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systempunkte.org: Prozessfetisch

by Rudolf Mühland last modified 2011-08-24 19:01

Eine tiefgehende Analyse der Kontroverse über Konsens oder Wahl zur kollektiven Entscheidungsfindung

Von Mark Lance

Wenn jemand in fünf Minuten den Konsensprozess erklären müsste, so könnte sie damit beginnen, kurz die Art der Diskussion zu beschreiben, die einer Entscheidung durch die Gruppe vorangehen sollte. Eine solche Beschreibung würde wohl recht vage bleiben: Es würde um Dinge gehen wie das Zuhören, die Einbeziehung aller Sichtweisen, kritische Diskussion und Argumentation sowie Kreativität in der Formulierung möglicher Kompromisse und Synthesen. Man würde aber wohl bald das Thema wechseln, von der Diskussion weg hin zum konkreten Vorgehen, das zur formalen Entscheidungsfindung benutzt wird. Dessen Darstellung ist ganz und gar nicht vage, sondern so präzise formulierbar wie jede Wahlprozedur. Man würde erklären, wie ein Antrag vorgeschlagen wird, wie Leute die Möglichkeit haben, sich für Unterstützung, Zurückhaltung oder Blockade zu entscheiden, dass ein Antrag nur von der Gruppe beschlossen werden kann, wenn niemand ihn blockiert usw. (Wahrscheinlich – und das ist ein wichtiger Punkt – haben die meisten, die schon einmal an Entscheidungen unter dem Banner des Konsensprozesses teilhatten, nicht viel mehr als ein solch fünfminütiges Verständnis der Vorgänge.)artwork by Gareth A Hopkins

Wenn man deutlich mehr als nur fünf Minuten Zeit hätte, den Konsensprozess zu erklären, dann würde man wohl wenig mehr über das formale Vorgehen der Entscheidungsfindung sagen. Dieser Teil kann wirklich in wenigen Minuten definiert werden. Man würde vielmehr detaillierter auf das komplexe, ungewissere, stark kontextorientierte Vorgehen eingehen, das dem eigentlichen Fällen einer Entscheidung vorangeht. Man würde sich also auf den Prozess der Diskussion, der Formulierung von Optionen und Argumenten usw. konzentrieren.

Im Folgenden bezeichne „Praxis“ den komplexen Prozess der Diskussion – einen Prozess, über den viel gesagt werden kann, aber dessen korrektes Funktionieren wohl kaum über einen Satz genauer Regeln definiert werden kann. Auf den Satz formaler Regeln, die eine Methode der Entscheidungsfindung beschreiben, wird sich der Begriff „Prozedur“ beziehen. Diese Unterscheidung ist für sich genommen weder überraschend noch neu, ich möchte aber behaupten, dass sie von großer Bedeutung für die Debatte über Mehrheitswahl und Konsens ist. Solche Debatten stehen im Zentrum anarchistischer Theorie, da sie die Form und den Inhalt demokratischer Einbeziehung betreffen. Mehr noch, wenn etwas essentiell für den Anarchismus ist, dann ist es die Idee, dass soziale Entscheidungen von allen Betroffenen zu treffen sind, und dass diese Einbeziehung grundsätzliche Teilhabe einer jeden Person an Erwägung ebenso wie an Entscheidung beinhalten muss. Daher ist eine Auseinandersetzung über die Natur dieser Teilhabe eine Auseinandersetzung über den Kern des Anarchismus.

Ich behaupte aber, dass die Diskussion über Wahl und Konsens äußerst fehlerhaft verläuft. Erstens werfen viele Vertreter beider Seiten auf schädliche Weise Prozedur und Praxis in einen Topf – sie kritisieren die Prozeduren der jeweils anderen Seite, verteidigen aber nicht ihre eigenen Prozeduren, sondern vielmehr ihre Auffassung der Praxis. Zweitens stellt sich heraus, dass die Antwort auf die Frage, wie wir uns sinnvollerweise organisieren sollten – orientiert an einer Konsensregel oder an Mehrheitsentscheiden – entscheidend davon abhängt, ob wir über Prozedur oder Praxis sprechen. Kurz, und vielleicht etwas in die Irre führend: Prozeduren sollten eher in Richtung Mehrheitsentscheid gehen, aber nur im Dienste einer Praxis, die von einem deutlichen Bekenntnis zum Konsens geprägt ist. In meiner Argumentation für diesen zweiten Punkt werde ich zeigen, dass die Konsensprozedur gänzlich ungeeignet ist für radikale Organisationen. Gleichzeitig stelle ich die These auf, dass ein einseitiger Fokus auf Prozeduren letzlich das wirkliche Problem ist. Das führt uns zum dritten und wichtigsten Punkt. Eine antiautoritäre, demokratische Organisation darf sich nicht als über eine Reihe formaler Prozeduren definiert verstehen. Regeln können als Werkzeuge einer tugendhaften Gemeinschaft mit weitgehend funktionierender Praxis verwendet werden, sie sollten aber nie mehr als Werkzeuge sein.

Das Ziel einer demokratischen Gemeinschaft als Suche nach dem richtigen Satz formaler Regeln zu verstehen, die dann blind befolgt werden können, ohne dass es nötig ist, über ihre gute und gerechte Anwendung zu wachen, ist keinen Deut besser als die Suche nach dem besten und gerechtesten König zum Ziel zu erklären. Aus einem Prozess einen Fetisch zu machen – eine Art, etwas zu tun, zu verehren – kann ebenso unterdrückend sein, wie einen Fetisch aus persönlicher Autorität zu machen.

§1 Mehr Hitze als Licht

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