Katholizismus: Bei Katholiken nehmen Gewaltbereitschaft und Wahnsinn zu
Ein Gespräch mit dem Theologen David Berger. David Berger, Jahrgang 1968, ist katholischer Theologe und Gymnasiallehrer. Im November veröffentlichte er sein Buch »Der heilige Schein. Als schwuler Theologe in der katholischen Kirche«
In Ihrem Buch »Der heilige Schein« schildern Sie die zunehmende Irrationalisierung der katholischen Kirche. Sie hatten einige Jahre Einblick in verborgen agierende ultrakonservative Netzwerke, in denen frauenfeindliche, antisemitische und homophobe Positionen vertreten werden. Manche träumen von einem fundamentalistischen Gottesstaat. Wer sind diese katholischen Dschihadisten?
Man muß bei diesen Netzwerken unterscheiden zwischen mehr inoffiziell wirkenden Gruppen und denen, die offiziell auch nach außen hin tätig sind. Mehr inoffiziell war eine Gruppe, die ich in meinem Buch beschreibe und die in einem Düsseldorfer Rechtsanwalts- und Steuerprüfungsbüro ihr lokales Zentrum hatte. In regelmäßigen, streng geschlossenen Veranstaltungen wurden dort durch den Gastgeber wohlhabende Industrielle, Wissenschaftler vor allem aus den Bereichen der Rechts- und Politikwissenschaft sowie Geistliche und Theologen aus dem reaktionär katholischen Spektrum eingeladen. Neben den Vorträgen, die von Leuten wie dem Ritter Erik von Kuehnelt-Leddihn, den Professoren Friedrich Romig, Walter Hoeres oder Robert Prantner gehalten wurden, tauschte man sich hier über alles aus, was im rechtskatholisch orientierten Lager im Gespräch war. Man dachte über die Vergabe von Posten und das Lockermachen von Geldern für Großprojekte nach. Antisemitische Äußerungen waren hier an der Tagesordnung.
Wie hoch schätzen Sie den Einfluß dieser erzreaktionären Kreise auf die katholische Kirche und auf die bundesdeutsche Gesellschaft ein?
Innerhalb der katholischen Kirche ist der Einfluß dieser Netzwerke unter dem neuen Pontifikat des deutschen Papstes enorm angestiegen. Inwiefern sie auch Einfluß auf die deutsche Gesellschaft nehmen können, mißt sich wieder daran, wie viel Einfluß die Gesellschaft der katholischen Kirche einräumt. Durch die Mißbrauchsskandale der letzten Jahre hat dieser Einfluß zusammen mit der »Wir-sind-Papst«-Euphorie einen deutlichen Dämpfer erhalten. Aber rund um das Erscheinen des neuen Papstbuches und die Ankündigung seines offiziellen Deutschlandbesuches scheinen die PR-Manager des Papstes eine neue Sympathiekampagne eingeleitet zu haben, auf die Bild und Focus offensichtlich voll angesprungen sind. Sollte diese erfolgreich sein, kann man auch davon ausgehen, daß diese »Elite« auf der neuen Welle mit nach oben geschwemmt wird.
Welche Rolle spielt das Pontifikat Benedikts XVI. bei dieser Entwicklung? Ist die Abgehobenheit des Sphärenmenschen ein unbeabsichtigtes Nebenprodukt oder verfolgt der Pontifex Maximus damit ein bewußtes politisches Konzept?
Ich kenne den Papst nicht persönlich. Aber seit etwa 20 Jahren habe ich seinen Werdegang, alle seine Äußerungen mit großem Interesse verfolgt. Und es fällt mir noch immer schwer, zwischen beiden Alternativen zu wählen. Vorherrschend ist nach wie vor der Eindruck, daß er einfach kirchenpolitisch völlig naiv ist und aufgrund zum Beispiel eines ästhetischen Faibles für die überschwenglichen Barockgewänder und die opernhaften, von jungen Männern aufgeführten liturgischen Inszenierungen diese so großzügig und ohne Vorleistungen in seine »väterlichen Arme« schließt. Auf der anderen Seite paßt dies nicht zu dem Bild eines hyperintelligenten Denkers, an dem er sich weidet, und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß er es – wenn es gelegen kommt und darum geht, ein kirchenpolitisches Konzept durchzusetzen – sogar mit der Wahrheit nicht so ganz ernst nimmt. Obwohl inzwischen einwandfrei feststeht, daß der Vatikan im Fall Williamson schon lange durch einen Bischof vorgewarnt war, hat der Papst erst jüngst – in »Licht der Welt« – seine inzwischen schon fast wie eine Satire klingende Geschichte wiederholt: Man habe von dessen Holocaustleugnung nichts gewußt. »… leider hat niemand bei uns im Internet nachgeschaut und wahrgenommen, um wen es sich hier handelt«.
Stimmt es, daß die Gewaltbereitschaft bei Geistlichen und Gläubigen immer mehr zunimmt? Und welche Rolle spielt dabei das Internet und insbesondere die katholische Internetplattform kreuz.net? In dessen Leser-Forum werden zum Beispiel »die Wandschmierereien Michelangelos« als »entartete Kunst« und als »Schande für den Vatikan« bezeichnet oder Homosexuelle mit dem Prädikat »Kotze Satans« versehen, denen man mit »Baseball-Schlägern« »bei nächster Gelegenheit in die schwule Fresse klopfen« sollte.
Immer wenn ich konservative Geistliche in Rom und anderswo auf kreuz.net angesprochen habe, hat man mir sinngemäß gesagt: Was wollen Sie denn? Kreuz.net sagt doch nur ehrlich und offen, was Sache ist und was man aufgrund einer falsch verstandenen political correctness sonst nicht so offen sagen darf. Von daher bildet der barbarische Verbalbrutalismus nur in zugespitzter Form eine generelle Aggressivität ab, die in der katholischen Kirche deutlich zugenommen hat. Und zwar parallel zu einer seltsamen Viktimisierungshaltung: Das heißt, die Kirche – und der Papst geht da wieder »vorbildlich« voran – sieht sich gern als Opfer. Ganz deutlich war das bei den Mißbrauchsskandalen. Als Schuldige hatte man schnell die Medien ausgemacht, manche ganz hartgesottenen Kirchenfürsten dann auch noch junge Schwule, die die ansonsten völlig tadellosen Priester verführt hätten. Man kultiviert in Rom gern Verschwörungstheorien, die von einer vom Weltjudentum gesteuerten Attacke auf die Kirche und den Papst phantasieren. Diese Opferstrategie ist natürlich praktisch, aber sie führt auch dazu, daß die Aggressivität deutlich ansteigt. Denn man sieht sich ja angegriffen und in der Defensive und muß sich nun – schon um die höhere Ehre Gottes zu verteidigen – wehren … Kreuz.net macht dies dann ganz anschaulich, wenn man dort die Todesstrafe für Schwule nach dem Vorbild des Iran im Sinne der Selbstverteidigung der katholischen Kirche postuliert.
Interview: Reinhard Jellen, Junge Welt vom 24.12.2010