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Hungerstreik der Lebenslänglichen Italiens, Dezember 2008

by Rudolf Mühland last modified 2008-11-24 11:28

Offener Brief von Carmelo Musumeci an die anarchistischen GenossInnen

Im vergangenen Jahr, am 1.Dezember 2007, haben die Lebenslänglichen
Italiens das erste Mal in der Geschichte einen Hungerstreik
unternommen, um die Abschaffung der lebenslänglichen Strafe zu
fordern. Bei diesem Hungerstreik waren nicht nur sie selber, sondern
auch ihre Familien und normale BürgerInnen involviert. - Und die
AnarchistInnen? Die AnarchistInnen sind, wie immer, zusammen mit den
Letzteren dabei gewesen und haben den Kampf der Lebenslänglichen am
meisten unterstützt.

Weil die Lebenslänglichen sich dazu entschieden haben, sich nicht
länger schweigend foltern zu lassen, versuchen sie es noch mal dieses
Jahr und haben beschlossen ab dem 1. Dezember 2008 einen
Stafettenlauf-Hungerstreik zu unternehmen. Um mehr darüber zu erfahren
könnt Ihr die Website www.informacarcere.it besuchen.

Was werden die AnarchistInnen aus Italien und Europa machen? Die
Lebenslänglichen wissen es schon! Es ist sicher, dass sie noch mal in
der ersten Reihe mit dabei sein werden, für die Freiheit kämpfend, so
wie es während ihrer ganzen Geschichte gewesen ist.
Die Wege, um mit uns zu kämpfen, müsst Ihr selber finden. Dazu fällt
mir ein, dass eine irische Freundin von uns mal erzählt hat, dass in
England und Frankreich, wenn für irgendetwas Aufmerksamkeit erzielt
werden soll, weiße Bettwäsche mit einem Schriftzug an
Straßenüberführungen, an einem Monument oder an anderen öffentlichen
Räumen befestigt wird, "auftaucht". Danach werden Bilder davon im
Internet veröffentlicht und falls es möglich ist eine ausreichende
Zahl von weißer Bettwäsche (oder Transparenten) innerhalb der gleiche
Periode, an verschiedenen Orten, auftauchen zu lassen. In den meisten
Fällen versuchen die Medien dann eine Antwort auf die Fragen zu geben,
die die Leute stellen!

Wir besitzen nur einen einzigen Weg, um Aufmerksamkeit zu erzielen:
nichts essen. Und dies ist genau das, was wir machen werden. Es sieht
so aus, als wenn alle da draußen aufgegeben hätten zu kämpfen,
allerdings haben das weder die Lebenslänglichen noch die
AnarchistInnen! Denn totale Macht lässt keinen anderen
Handlungsspielraum zu. (hier
meinen das wenn die Macht auf keine widerstand zutrifft und dann
praktisch alle machen wie sie möchtet, dann würde sie denn nichts
erlauben)

Es muss gekämpft werden und wir haben uns dazu entschlossen, dies zu
tun. Allein oder mit Euch, wir werden kämpfen. Draußen gibt es keine
Unstimmigkeit mehr. Die Souveränität gehört nicht mehr der
Bevölkerung, sondern den Massenmedien.
Die Bevölkerung besitzt nicht mehr die Instrumente, um sich ein
eigenes Bewusstsein aufzubauen. Die Tatsache, dass genau von "da drin"
Schreie nach Freiheit und Veränderung geboren werden, ist schön und
interessant...reicht uns eine Hand, um den Flusslauf wechseln zu können.

Für die Lebenslänglichen im Kampf aus Spoleto

Carmelo Musumeci, 27.9.08

Carmelo ist ein Gefangener, welcher schon seit mehreren Jahren gegen
die Knastbedingungen kämpft. Er steht auch im Kontakt mit
verschiedenen anarchistischen Gruppen Italiens.

---

Offener Brief der Lebenslänglichen aus dem Knast Spoleto, Italien.

Die Lebenslänglichen aus den Knast Spoleto schreiben den anderen
Lebenslänglichen Italiens

Letztes Jahr hatten 310 Lebenslängliche einen Brief an den Präsident
der Republik geschrieben, um ihn zu bitten ihre lebenslängliche Strafe
in Todesstrafe umzuwandeln. Könnt ihr euch daran erinnern?
Eine Antwort des Präsidenten kam noch nicht, allerdings haben sich
während dessen sieben Lebenslängliche umgebracht, haben über sich
selber die Todesstrafe verhängt.
Der letzte, der "lebenslängliche" Giuseppe, wurde im Knast San
Gimignano aufgehängt gefunden.
Wir 303 sind übrig.
Wer ist als nächstes dran?
Wieso noch länger warten?
Lass uns handeln!
Es ist nutzlos sich weiter zu fragen, welcher andere Lebenslängliche
sich morgen aufhängen wird.
Es könntest genau du sein.

Was tun?

Wenn wir im Schweigen weggehen, einer nach dem anderen, machen wir
keinen Lärm.
Wieso dann nicht alle zusammen?
Wieso suchen wir uns nicht einen Termin aus an dem wir uns alle
gemeinsam aufhängen?
Ich denke oft daran mich aufzuhängen, welcher Lebenslängliche hat nie
daran gedacht?
Es sollte nicht schwierig sein, es reicht ein Bettlaken an den Gittern
zu befestigen und es zu Ende zu bringen...
Wenn sie uns keine Hoffnung geben, wenn sie uns sagen, dass wir
unwiederbringlich oder Monster sind, kämpfen wir entweder für unsere
Freiheit (allerdings ernsthaft mit all unseren Kräften) oder lassen es
lieber zu einem Ende kommen.
Gerade läuft im Parlament die Diskussion über eine mögliche
Veränderung des Gozzinis-Gesetzes (Anm. d. Ü.: ein Gesetz, welches
1986 die Knastordnung reformierte und ähnlich wie in Deutschland
Verbesserungsmaßnahme bei Kooperation und gutem Verhalten der
Inhaftierten anbietet und definitiv einen großen Anteil an
Vereinzelung und Entsolidarisierung unter den Gefangenen hat).
Wahrscheinlich, wird es bald keine Hoffnung mehr in Bezug auf dieses
Gesetz geben.
Ein Gesetz, welches bis jetzt trotz allem eine zugänglich Realität für
uns alle darstellte.
Das wird gut sein, dann werden wir uns nicht weiter Illusionen machen
und mit Sicherheit wissen, dass wir im Knast sterben werden.

Was tun?

Die einzige Hoffnung für uns sind genau wir selber.
Die ehemaligen Lebenslänglichen hatten die reale Hoffnung auf einen
Urlaub, offenen Vollzug, Bewährung, wir haben nicht mal diese, weil
viele Lebenslänglich aufgrund von Mafiadelikten verurteilt wurden und
deshalb keinen Zugang dazu haben.
Die Hoffnung gibt es für uns nicht, es ist unsere Aufgabe sie zu
suchen, entweder im Kampf oder im Tod.
Aber wenn wir weiter nichts tun, wird uns genau das zerstören.
diese (diese bezieht sich
hier auf "nichts tun")zerstören.
Wir sind wie leblos! Wir können nur kämpfen, deshalb, verdammt noch
mal, lasst uns kämpfen! Worauf warten wir noch?
Wir haben nur diese Tage und dies sind die letzten, die uns übrig bleiben.
Lasst sie uns nutzen, um ein Ende der Strafe zu erreichen.
Wir sollten nicht auf die Politiker zählen, denn für sie sind wir nur
austauschbar, um Wahlergebnisse von der Öffentlichkeit zu bekommen.
Vor ein paar Tagen kam die Aussage, dass sie den folterischen 41bis (ist
"bis" eine Bezeichnung? da müsste dann die erklärung hin. vom übersetzer
(so heisst der artikel in der italienische strafgesetzsbuch) (Anm. d.
Ü. Hochsicherheitstrakt Italiens) beschränken wollen.
Aber was wollen sie noch beschränken? Nun, nach vielen Jahren in einem
solchen Regime, sind die Gefangenen, welche diesem ausgesetzt waren,
keine Menschen mehr, sondern lebende Tote, welche nicht mal die Kraft
dazu besitzen, sich gegen ihre Folterknechte zur Wehr zu setzen.
Lasst uns nicht auf die Überwachungsrichter zählen. Diese haben Angst,
von Politikern attackiert zu werden und den Konsens innerhalb der
öffentlichen Meinung zu verlieren.
Lasst uns nicht auf die ErzieherInnen, die Direktoren oder
SozialarbeiterInnen zählen. In den meisten Fällen sehen sie uns nur
als Ursprung ihrer Löhne.
Lasst uns nur auf uns zählen. Lasst uns auf die Lebenslänglichen zählen.

Was tun?

Alles mögliche. Es reicht Etwas zu machen anstatt gar nichts!
Lasst uns auswählen, Hoffnung zu haben.
Am 1. Dezember diesen Jahres wird in jedem Knast ein großer Hungerstreik
mit Ernsthaftigkeit und Entschlossenheit beginnen, um eine
Stellungnahme des europäischen Parlaments zur Abschaffung der
lebenslänglichen Strafe zu fordern.
Die Lebenslänglichen, die sich entscheiden werden, für ein Ende ihrer
Strafe zu kämpfen und Diejenigen, die eine Beschwerde für die
Abschaffung der lebenslänglichen Strafe bei dem europäischen
Gerichtshof eingereicht haben, sollen ihre Beteiligung bei der
Assoziation Pantagruel, Tavantti 20, 50134, Firenze, ankündigen. Ihre
Website ist www.informacarcere.it, sie wird von draußen vertreten und
euch ein Beteiligungsformular schicken.

Die Lebenslänglichen im Kampf aus Spoleto, August 2008
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