Dokumentation: Geldwäsche und Mafia: Behörden ermitteln gegen Vatikanbank
Die Vatikanbank hat mit einem handfesten Skandal zu kämpfen - es geht um Geldwäsche, geheime Transaktionen und die mögliche Zusammenarbeit mit der Mafia.
Quelle: http://www.wa.de/nachrichten/welt/-1044094.html
Im September hatten die italienischen Behörden 23 Millionen Euro von einem onto der Vatikanbank beschlagnahmt und Ermittlungen gegen den Vorstandsvorsitzenden der Bank, Ettore Gotti Tedeschi, und den Generaldirektor Paolo Cipriani eingeleitet. Der Vatikan sprach von einem Missverständnis.
Laut den Gerichtsunterlagen beschuldigte die Staatsanwaltschaft die Bank, sich über Regelungen zur Geldwäsche hinweggesetzt zu haben, "mit der Absicht, den Besitz, das Ziel und den Ursprung des Kapitals zu verstecken". Aus den Unterlagen geht auch hervor, dass Ermittler vermuten, katholische Geistliche könnten als Strohmänner für korrupte Geschäftsmänner und die Mafia agiert haben.
In einem anderen Fall erklärte die Finanzpolizei auf Sizilien Ende Oktober, sie habe einen Fall von Geldwäsche aufgedeckt, in dem ein Konto der Vatikanbank benutzt worden sei. Inhaber des Kontos sei ein in Rom ansässiger Priester, dessen Onkel wegen einer Verbindung zur Mafia verurteilt worden war.
Die neuerlichen Vorwürfe kommen für den Vatikan zu einer denkbar ungünstigen Zeit. Der Heilige Stuhl hat bereits mit Vorwürfen zu kämpfen, pädophile Priester geschützt oder zumindest zu lasch behandelt zu haben.
Bank war bereits mehrmals in einen Skandal verwickelt
Es ist auch nicht das erste Mal, dass die Bank in einen Skandal verwickelt ist. 1986 starb der sizilianische Finanzier Michele Sindona, nachdem er mit Gift versetzten Kaffee getrunken hatte. Sindona war vom Papst mit der Verwaltung der ausländischen Investitionen des Vatikans beauftragt worden. Wegen Verbindungen zur Mafia wurde Sindona zu einer Haftstrafe verurteilt.
In einem weiteren Skandal ging es um den mysteriösen Tod des Präsidenten der Banco Ambrosiano, Robert Calvi, der 1982 nach dem Zusammenbruch der Institution erhängt unter einer Londoner Brücke gefunden wurde. Die Banco Ambrosiano war zusammengebrochen, nachdem Kredite in Milliardenhöhe verschwunden waren, die an Scheinfirmen in Lateinamerika ausgestellt worden waren. Der Vatikan hatte der Bank Kreditbriefe dafür zur Verfügung gestellt. Die Umstände des Todes von Calvi und Sindona sind bis heute nicht geklärt.
Die Fälle belasteten nicht nur das Ansehen der Vatikanbank, sie riefen auch den Verdacht hervor, die Institution habe Verbindungen zur Mafia.
Vatikan will sich an EU-Richtlinien orientieren
Der Vatikan kündige an, sich an die von der EU vorgegebenen finanziellen Standards zu halten. Er wolle zudem eine Behörde schaffen, die für die Beobachtung der finanziellen Geschäfte zuständig sein soll.
Er sei nicht optimistisch, dass der Vatikan künftig mehr Licht in seine finanziellen Angelegenheiten bringen werde, sagte der Autor Gianluigi Nuzzi, der in seinem Buch "Vatican SpA" über fragwürdige Geschäfte der Vatikanbank schreibt. "Ich vertraue ihnen nicht" , sagt Nuzzi. "Nach den vorherigen großen Skandalen sagten sie 'wir werden uns verändern', und sie taten es nicht." Dies sei schon zu oft der Fall gewesen.
~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
tagesschau.de Die Nachrichten der ARD
Quelle: http://www.tagesschau.de/wirtschaft/vatikanbank102.html
Ermittlungen gegen Vatikanbank-Chef
"Heilige Gelder" in Millionenhöhe gewaschen?
Schon seit längerem hat italienische Finanzpolizei Transaktionen der Vatikanbank (I.O.R.) in Millionenhöhe unter die Lupe genommen. Seit gestern wird offiziell gegen den Chef der Bank, Ettore Gotti Tedeschi, ermittelt. Wegen des Verdachts auf Geldwäsche wurden 23 Millionen Euro von einem Konto des Instituts beschlagnahmt. Der Vatikan zeigte sich "verblüfft und überrascht", obwohl es sich nicht um den ersten Skandal des Geldinstituts handelt.
Von Stefan Troendle, ARD-Hörfunkstudio Rom
Wer das Archivmaterial über die Vatikanbank I.O.R. durchgeht, fühlt sich an einen schlechten Film erinnert. Oder: Um ein in dem Zusammenhang recht passendes Klischee zu bemühen - man könnte glatt vom Glauben abfallen. Was sich das "Instituto per le opere di Religione" ("Institut für die religiösen Werke") in den 80er-Jahren alles geleistet hat, war übrigens tatsächlich die Vorlage für einen Film: Francis Ford Coppola baute den Riesenskandal um das I.O.R. in "Der Pate" Teil III ein.
Ein Tod, der den Papst belastet
Rückblende: Es war der 18. Juni 1982, als frühmorgens an der Blackfriars-Bridge in London eine Leiche baumelte. In den Taschen Backsteine und 15.000 Dollar. Bei dem Toten handelte es sich um Roberto Calvi, den Präsidenten der Mailänder Bank Ambrosiano. Seiner Witwe zufolge handelte es sich nicht um Selbstmord, da Calvi kurz vor seinem Tod gesagt haben soll, wenn ihm etwas zustoße, müsse der Papst zurücktreten.
Calvi hatte eng mit Erzbischof Marcinkus zusammengearbeitet, dem obersten Chef des I.O.R., sowie mit Michele Sindona, einem Geldwäschebanker der Mafia. Dessen Banken-Imperium war Mitte der 70er-Jahre zusammengebrochen - das I.O.R. hatte dadurch etwa 50 Millionen Dollar verloren.
Nach Calvis Tod kamen weitere Einzelheiten heraus - unter anderem, dass der Vatikan durch diese Verbindungen und über Beteiligungen an der Banco Ambrosiano an einem großen Geldwäschenetz und waghalsigen Geschäften beteiligt gewesen war. Vereinfacht gesagt: Sindona und Calvi waren Mitglieder in der umstürzlerischen Geheimloge P2. Der eine lieferte Geld unter anderem aus dem Handel mit Heroin, der andere gründete Briefkastenfirmen und legte das Geld an. Finanziert wurden damit unter anderem Waffengeschäfte für südamerikanische Staaten. Und das I.O.R. profitierte davon.
I.O.R. in größte Bankenpleite Italiens verwickelt
Aber Calvi hatte sich verzockt. 1982 hatte seine Bank kein Geld mehr, die Schulden beliefen sich auf etwa 1,5 Milliarden Dollar. Es war die größte Bankenpleite in der italienischen Geschichte. Das I.O.R. hatte jedoch durch die Verbindungen seines Chefs im Rang eines Erzbischofs Bürgschaften für die Mailänder Bank übernommen. Außerdem hatte er wohl versucht, mit gefälschten Aktien als Sicherheit ein Darlehen zu bekommen.
Der Vatikan zahlte später in einem außergerichtlichen Vergleich - ohne Anerkennung einer Schuld - mehr als 240 Millionen Dollar an die
Ambrosiano-Gläubiger. Gegen den zwielichtigen "Bankier Gottes", wie Erzbischof Marcinkus auch genannt wurde, erging in Italien Haftbefehl. Er verließ den Vatikan zunächst nicht mehr, später flüchtete er in die USA. Die Hintergründe der windigen Geschäfte wurden nie richtig aufgeklärt, auch weil der Vatikan mauert und das I.O.R. bis heute keinerlei Bilanzen veröffentlicht.
Mehr als fünf Milliarden Dollar Gesamtvermögen
Italienische Medien berichten, das Gesamtvermögen des I.O.R belaufe sich inzwischen auf mehr als fünf Milliarden Dollar, die von etwa 150 Mitarbeitern im Nikolausturm des Vatikans betreut werden. Das Institut ist übrigens nicht die offizielle Vatikanbank. Trotzdem ist es nur dem Papst Rechenschaft schuldig und viele katholischen Einrichtungen haben dort ein Konto.
Ziemlich peinlich deshalb, dass das I.O.R. bis 1970 die Aktienmehrheit an einem Pharmaunternehmen besaß, das die Anti-Baby-Pille produziert. Paul VI. hatte zwei Jahre zuvor seine umstrittene Anti-Pillen-Enzyklika herausgegeben.
Wegen möglicher Geldwäsche im Visier der Ermittler
Inzwischen agiert das I.O.R. sehr viel vorsichtiger, trotzdem gibt es immer wieder Gerüchte, die Einrichtung habe mit Geldwäsche zu tun. Unter anderem behauptet das ein Buchautor, dem angeblich echte Unterlagen zugänglich gemacht wurden. Ob Benedikt XVI. dem I.O.R. deshalb im vergangenen Jahr vorzeitig eine neue Führung verordnet hat, lässt sich nur vermuten. Der neue, dem Opus Dei nahestehende Chef, Gotti Tedeschi, war zuvor Italien-Chef der Santander-Bank.
Ob an den Ermittlungen gegen ihn etwas dran ist, ist absolut unklar. Allerdings hat der Vatikan diesmal blitzartig reagiert. In einer Erklärung des Staatssekretariats spricht ihm der Heilige Stuhl sein allervollstes Vertrauen aus. Dort wird man sich an die Worte des Vorsitzenden der italienischen Bischofskonferenz, Kardinal Bagnasco, erinnert haben. Der hat 2009 über das I.O.R. gesagt, das sei eine Einrichtung, die mehr Schatten wirft als Licht.
Geldwäsche-Verdacht gegen Chef der Vatikanbank (21.09.2010).
<http://www.tagesschau.de/wirtschaft/vatikanbank100.html>
http://www.tagesschau.de/wirtschaft/vatikanbank100.html
Homepage des Vatikan.
<http://www.vatican.va/phome_ge.htm> http://www.vatican.va/phome_ge.htm
Das Archiv im Vatikan.
<http://asv.vatican.va/de/arch/oggi.htm>
http://asv.vatican.va/de/arch/oggi.htm
"Man könnte glatt vom Glauben abfallen" [S. Troendle, ARD Rom].
<http://www.tagesschau.de/multimedia/audio/audio58456.html>
http://www.tagesschau.de/multimedia/audio/audio58456.html
Weltatlas: Italien
<http://atlas.tagesschau.de/html/?display_id=515000>
http://atlas.tagesschau.de/html/?display_id=515000
Stand: 22.09.2010 09:03 Uhr
~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
Literatur:
Gianluigi Nuzzi: Vatikan AG. Ein Geheimarchiv enthüllt die Wahrheit über die Finanz- und Politskandale der Kirche, Salzburg 2010. Ecowin Verlag, 360 Seiten, 22,50 Euro.
Rezension <http://tinyurl.com/27lbbuw> http://tinyurl.com/27lbbuw
Interview <http://tinyurl.com/295m2la> http://tinyurl.com/295m2la
Carsten Frerk: Violettbuch Kirchenfinanzen - Wie der Staat die Kirchen finanziert. Alibri-Verlag, Aschaffenburg 2010, 270 Seiten, 16 Euro Rezension <http://tinyurl.com/2vupvkx> http://tinyurl.com/2vupvkx