Personal tools
You are here: Home Nachrichten Dokumentation: »Smiths Intention war richtig, sagt Chomsky«
Document Actions

Dokumentation: »Smiths Intention war richtig, sagt Chomsky«

by Alexander Reich — last modified 2009-03-04 11:33
Contributors: Junge Welt 05.02.2009 / Schwerpunkt / Seite 3
http://www.jungewelt.de/2009/02-05/055.php

Richard Brouillet hat sich von linken Intellektuellen den Neoliberalismus erklären lassen. Das Ergebnis läuft auf der Berlinale. Gespräch mit einem kollektivistischen Anarchisten.

Dokumentation: »Smiths Intention war richtig, sagt Chomsky«

Noam Chomsky

Richard Brouillet hat in Montréal/Kanada als Filmkritiker angefangen, war 1989–99 für den unabhängigen Verleih »Cinéma Libre« tätig. Seine auf 16 Millimeter gedrehte Doku »Encirclement« hat er selbst produziert. Zwölf Jahre lang hat er daran gearbeitet. Ausführlich kommen darin Noam Chomsky, Ignacio Ramonet, Susan George u.v.a. zu Wort

Ihr Berlinale-Film »Encirclement« erzählt die Geschichte des Neoliberalismus. Geprägt wurde der Begriff 1938 bei einem Colloquium in Paris, an dem Friedrich August von Hayek teilnahm, der 1947 die Mont Pèlerin Society (MPS) gründete – den ersten neoliberalen Think-tank. Welche sind heute die wichtigsten?

Das liberale »Cato Institute« verteilt alle zwei Jahre ein »Handbuch zur Politik« an Parlamentarier, setzt damit nach eigenen Angaben »in Washington die Standards für reale Einschnitte ins Steuer- und Ausgabensystem. Punkt für Punkt gibt es den Abbau des Staates vor«. Größer war in den letzten Jahrzehnten der Einfluß konservativer Think-tanks. In den USA sind die »Heritage Foundation«, das »American Enterprise Institute«, das »Hudson Institute« und das gefürchtete »Project for the New American Century« mit den Republikanern verknüpft. Im Großbritannien der Regierungen Thatcher und Blair waren das »Institute of Economic Affairs«, das »Centre for Policy Studies« und das »Adam Smith Institute« maßgeblich. Dazu kommt die »Atlas Economic Research Foundation«, die von den USA aus rechtsgerichtete Think-tanks in der ganzen Welt fördert. Und die »Hoover Institution«, einer der wichtigsten und aktivsten konservativen Think-tanks, der 1919 in den USA gegründet wurde, also nicht in der Nachfolge der MPS steht, aber deren Archiv und das von Friedrich von Hayek verwaltet. Was den Einfluß all dieser Think-tanks ausmacht, sind ihre guten Verbindungen zu großen Konzernen (und deren Chefs), Medien, politischen Parteien und wissenschaftlichen Fakultäten.

Nichts am Neoliberalismus ist neu oder liberal, sagt Noam Chom­sky im Film. Und daß sich Adam Smiths »Wealth of Nations« als Kritik am Neoliberalismus lesen läßt. Haben Sie das versucht?

Ehrlich gesagt, war ich verblüfft, als Chomsky das im Interview sagte. Von »Wealth of Nations« kannte ich damals nur Auszüge. Chomsky sagt, daß der Kontext, in dem die Metapher der »unsichtbaren Hand« bei Smith auftaucht, meist unterschlagen wird. Smith erklärt an dieser Stelle im Buch unter anderem, daß jeder eher im In- als im Ausland investiert – nicht aus einer besonderen Intention heraus, sondern weil sich das sozusagen sicherer anfühlt. Damit meinte er, sagt Chomsky, »daß England von einer unsichtbaren Hand vor den Verheerungen dessen geschützt wird, was wir heute Neoliberalismus nennen«. Smith erklärt in dem Kapitel allerdings auch, daß Importbeschränkungen von Waren, die im Inland produziert werden, Monopole entstehen lassen, die dem Allgemeinwohl abträglich sind. Er plädiert für den Freihandel, weil die importierten Waren billiger seien im Sinne der später von David Ricardo entwickelten Theorie der »komparativen Vorteile«. Darum sagt Chomsky im Film auch, Smiths »Intuition war richtig, sein Argument falsch«. Chomsky hält den uneingeschränkt freien Handel für eine destruktive Kraft.

Ein entscheidender Trick der neoliberalen Ideologie ist die angebliche Entpolitisierung der Sprache. Wollt Ihr eine Inflation? ist die falsche Frage, erklärt im Film der Ökonom Bernard Maris. Richtig wäre: Wollt Ihr, daß die Reichen ihr Vermögen verlieren und die kleinen Leute ihre Kredite bezahlen können? Soll man also für die Inflation sein?

Wir sollten uns als Bürger jedenfalls zur Politik der Zentralbanken äußern. Deren »Autonomie« ist absolut nicht akzeptabel. Finanzpolitisch relevante Entscheidungen sollten nur von gewählten Parlamentarier getroffen werden können. Um die Sache zu vereinfachen, sollten die Menschen für oder gegen eine starke nationale Währung stimmen können. Bernard Maris hat absolut recht. Hält man die Inflationsrate niedrig, erzeugt das ungeheuren Druck auf dem Arbeitsmarkt. Und eine kontrollierte Inflation kommt hauptsächlich denjenigen zugute, die über Kapital und Ersparnisse verfügen.

Zum Verhältnis von Neoliberalismus und Demokratie erwähnt der Ökonom Michel Chossudovsky, daß die Verfassung Bosnien-Herzegowinas von US-Militärs geschrieben wurde.

Ja. Leider mußte ich das meiste Material, in dem sich Chossudovsky über die geopolitischen Ziele der USA und Westeuropas äußert, rausschneiden. Angestrebt wird die Entstehung von »Protektoraten« überall auf der Welt (im ehemaligen Jugoslawien, im Irak, in Afghanistan etc.).

Im Film wird deutlich: Es gibt heute keinen freien Markt. Das wäre auch nicht im Interesse der Allgemeinheit. Was halten Sie vom Gegenmodell, der sozialistischen Planwirtschaft?

Ausgehend von dem, was ich darüber gelesen habe, hat es leider nie ein wahrhaftig sozialistisches Regime gegeben, in dem jeder eine gleichberechtigte Rolle in der Gesellschaft spielte. Es gab immer Menschen, die »gleicher waren als andere«. Eine bürokratisch geplante Wirtschaft halte ich nicht für wünschenswert. Ich definiere mich als kollektivistischen Anarchisten und interessiere mich sehr für die partizipatorische Ökonomie, wie sie von Michael Albert und Robin Hahnel entwickelt wurde. Der kollektivistische Anarchismus wurde innerhalb kleiner Gruppen wie den autonomistischen Campesinos in Südamerika erfolgreich etabliert. Er muß in größerem Maßstab Anwendung finden.

Die Form Ihres Film ist eine Herausforderung: 160 Minuten Talking Heads, dazu etwas Schrift und Klaviermusik, wenige Minuten Archivbilder. Es gibt in der BRD das Alexander-Kluge-Fernsehen, das ähnlich, aber noch konventioneller funktioniert. Es hat kaum Zuschauer. Läßt sich Ihre Botschaft nicht massenwirksam vermitteln?

Ich würde nicht sagen, daß mein Film nicht massenwirksam ist. Aber es ist richtig, daß ich keine Kompromisse gemacht habe, was die üblichen Fernsehkonventionen angeht. Von dieser Sorte Filme gibt es genug. Ich habe anerkannten Intellektuellen die Chance gegeben, sich ausführlich und komplex zu einem beunruhigenden Phänomen zu äußern, das uns alle betrifft, ohne sie alle 30 Sekunden zugunsten einer vemeintlichen »Filmdynamik« zu unterbrechen, die den Film für Werbekunden attraktiver gemacht hätte. Ich wollte keine filmische »Lackschicht« auftragen, da das Augenmerk hauptsächlich auf den Sprechenden liegen sollte. Neugierige, politisierte Menschen werden diesen Film sehen wollen. Ich bin davon überzeugt: Wenn er im Fernsehen liefe, würde er von Anfang bis Ende gesehen werden.

(E-Mail-Interview)

  • »Encirclement«, Regie: Richard Brouillette, Kanada 2008, 160 min, auf der Berlinale am 7.,9. und 13.2.
  • vollständige Fassung des Interviews in Englisch in Anhang

Download-Dokumente:

Navigation
Log in


Forgot your password?
 

Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

This site conforms to the following standards: