Richard Brouillet hat in Montréal/Kanada als Filmkritiker
angefangen, war 1989–99 für den unabhängigen Verleih »Cinéma Libre«
tätig. Seine auf 16 Millimeter gedrehte Doku »Encirclement« hat er
selbst produziert. Zwölf Jahre lang hat er daran gearbeitet.
Ausführlich kommen darin Noam Chomsky, Ignacio Ramonet, Susan George
u.v.a. zu Wort
Ihr Berlinale-Film »Encirclement« erzählt die Geschichte des
Neoliberalismus. Geprägt wurde der Begriff 1938 bei einem Colloquium in
Paris, an dem Friedrich August von Hayek teilnahm, der 1947 die Mont
Pèlerin Society (MPS) gründete – den ersten neoliberalen Think-tank.
Welche sind heute die wichtigsten?
Das liberale »Cato Institute« verteilt alle zwei Jahre ein »Handbuch
zur Politik« an Parlamentarier, setzt damit nach eigenen Angaben »in
Washington die Standards für reale Einschnitte ins Steuer- und
Ausgabensystem. Punkt für Punkt gibt es den Abbau des Staates vor«.
Größer war in den letzten Jahrzehnten der Einfluß konservativer
Think-tanks. In den USA sind die »Heritage Foundation«, das »American
Enterprise Institute«, das »Hudson Institute« und das gefürchtete
»Project for the New American Century« mit den Republikanern verknüpft.
Im Großbritannien der Regierungen Thatcher und Blair waren das
»Institute of Economic Affairs«, das »Centre for Policy Studies« und
das »Adam Smith Institute« maßgeblich. Dazu kommt die »Atlas Economic
Research Foundation«, die von den USA aus rechtsgerichtete Think-tanks
in der ganzen Welt fördert. Und die »Hoover Institution«, einer der
wichtigsten und aktivsten konservativen Think-tanks, der 1919 in den
USA gegründet wurde, also nicht in der Nachfolge der MPS steht, aber
deren Archiv und das von Friedrich von Hayek verwaltet. Was den Einfluß
all dieser Think-tanks ausmacht, sind ihre guten Verbindungen zu großen
Konzernen (und deren Chefs), Medien, politischen Parteien und
wissenschaftlichen Fakultäten.
Nichts am Neoliberalismus ist neu oder liberal, sagt Noam
Chomsky im Film. Und daß sich Adam Smiths »Wealth of Nations« als
Kritik am Neoliberalismus lesen läßt. Haben Sie das versucht?
Ehrlich gesagt, war ich verblüfft, als Chomsky das im Interview sagte.
Von »Wealth of Nations« kannte ich damals nur Auszüge. Chomsky sagt,
daß der Kontext, in dem die Metapher der »unsichtbaren Hand« bei Smith
auftaucht, meist unterschlagen wird. Smith erklärt an dieser Stelle im
Buch unter anderem, daß jeder eher im In- als im Ausland investiert –
nicht aus einer besonderen Intention heraus, sondern weil sich das
sozusagen sicherer anfühlt. Damit meinte er, sagt Chomsky, »daß England
von einer unsichtbaren Hand vor den Verheerungen dessen geschützt wird,
was wir heute Neoliberalismus nennen«. Smith erklärt in dem Kapitel
allerdings auch, daß Importbeschränkungen von Waren, die im Inland
produziert werden, Monopole entstehen lassen, die dem Allgemeinwohl
abträglich sind. Er plädiert für den Freihandel, weil die importierten
Waren billiger seien im Sinne der später von David Ricardo entwickelten
Theorie der »komparativen Vorteile«. Darum sagt Chomsky im Film auch,
Smiths »Intuition war richtig, sein Argument falsch«. Chomsky hält den
uneingeschränkt freien Handel für eine destruktive Kraft.
Ein entscheidender Trick der neoliberalen Ideologie ist die
angebliche Entpolitisierung der Sprache. Wollt Ihr eine Inflation? ist
die falsche Frage, erklärt im Film der Ökonom Bernard Maris. Richtig
wäre: Wollt Ihr, daß die Reichen ihr Vermögen verlieren und die kleinen
Leute ihre Kredite bezahlen können? Soll man also für die Inflation
sein?
Wir sollten uns als Bürger jedenfalls zur Politik der Zentralbanken
äußern. Deren »Autonomie« ist absolut nicht akzeptabel. Finanzpolitisch
relevante Entscheidungen sollten nur von gewählten Parlamentarier
getroffen werden können. Um die Sache zu vereinfachen, sollten die
Menschen für oder gegen eine starke nationale Währung stimmen können.
Bernard Maris hat absolut recht. Hält man die Inflationsrate niedrig,
erzeugt das ungeheuren Druck auf dem Arbeitsmarkt. Und eine
kontrollierte Inflation kommt hauptsächlich denjenigen zugute, die über
Kapital und Ersparnisse verfügen.
Zum Verhältnis von Neoliberalismus und Demokratie erwähnt
der Ökonom Michel Chossudovsky, daß die Verfassung Bosnien-Herzegowinas
von US-Militärs geschrieben wurde.
Ja. Leider mußte ich das meiste Material, in dem sich Chossudovsky über
die geopolitischen Ziele der USA und Westeuropas äußert, rausschneiden.
Angestrebt wird die Entstehung von »Protektoraten« überall auf der Welt
(im ehemaligen Jugoslawien, im Irak, in Afghanistan etc.).
Im Film wird deutlich: Es gibt heute keinen freien Markt.
Das wäre auch nicht im Interesse der Allgemeinheit. Was halten Sie vom
Gegenmodell, der sozialistischen Planwirtschaft?
Ausgehend von dem, was ich darüber gelesen habe, hat es leider nie ein
wahrhaftig sozialistisches Regime gegeben, in dem jeder eine
gleichberechtigte Rolle in der Gesellschaft spielte. Es gab immer
Menschen, die »gleicher waren als andere«. Eine bürokratisch geplante
Wirtschaft halte ich nicht für wünschenswert. Ich definiere mich als
kollektivistischen Anarchisten und interessiere mich sehr für die
partizipatorische Ökonomie, wie sie von Michael Albert und Robin Hahnel
entwickelt wurde. Der kollektivistische Anarchismus wurde innerhalb
kleiner Gruppen wie den autonomistischen Campesinos in Südamerika
erfolgreich etabliert. Er muß in größerem Maßstab Anwendung finden.
Die Form Ihres Film ist eine Herausforderung: 160 Minuten
Talking Heads, dazu etwas Schrift und Klaviermusik, wenige Minuten
Archivbilder. Es gibt in der BRD das Alexander-Kluge-Fernsehen, das
ähnlich, aber noch konventioneller funktioniert. Es hat kaum Zuschauer.
Läßt sich Ihre Botschaft nicht massenwirksam vermitteln?
Ich würde nicht sagen, daß mein Film nicht massenwirksam ist. Aber es
ist richtig, daß ich keine Kompromisse gemacht habe, was die üblichen
Fernsehkonventionen angeht. Von dieser Sorte Filme gibt es genug. Ich
habe anerkannten Intellektuellen die Chance gegeben, sich ausführlich
und komplex zu einem beunruhigenden Phänomen zu äußern, das uns alle
betrifft, ohne sie alle 30 Sekunden zugunsten einer vemeintlichen
»Filmdynamik« zu unterbrechen, die den Film für Werbekunden attraktiver
gemacht hätte. Ich wollte keine filmische »Lackschicht« auftragen, da
das Augenmerk hauptsächlich auf den Sprechenden liegen sollte.
Neugierige, politisierte Menschen werden diesen Film sehen wollen. Ich
bin davon überzeugt: Wenn er im Fernsehen liefe, würde er von Anfang
bis Ende gesehen werden.
(E-Mail-Interview)
- »Encirclement«, Regie: Richard Brouillette, Kanada 2008, 160 min, auf der Berlinale am 7.,9. und 13.2.
- vollständige Fassung des Interviews in Englisch in Anhang