de.indymedia.org: Geschichte des griechischen Anarchismus
Um der schlichten Begeisterung für Riots entgegen zu wirken soll hier über die historische Entwicklung des Anarchismus in Griechenland berichtet werden. Das ist selbstverständlich nur ansatzweise möglich und wird mit Videos verlinkt damit es nicht so trocken ist.
Das Interesse an den sozialen Kämpfen in Griechenland steigt leider meistens nur mit dem Erscheinen solcher Szenen
http://www.youtube.com/watch?v=iedU83yybZI
Häufig taucht dann die Frage auf warum dort etwas geht was bei uns unmöglich erscheint.
Bei näherem Hinsehen wird deutlich, das die Auseinandersetzungen in Griechenland mehr sind als nur Randale.
Am Morgen des 21. April 1967 kam es zum Putsch des Militärs in Griechenland und damit zu dessen Machtübernahme.
http://www.youtube.com/watch?v=GuEzQh4ibOU&feature=related
Überall
herrschten Verwirrung, Angst und Panik. Gegen Abend des 21. April 1967
waren mehr als 10.000 Personen von schwer bewaffneten Soldaten in
Athen, Piräus, Patras und Thessaloniki verhaftet worden, unter ihnen
zahlreiche alte und kranke Veteranen der Partisanenkämpfe gegen die
deutsche Besatzung im 2. Weltkrieg, Hunderte von Funktionären und
aktive Mitglieder aller politischen Parteien, der Gewerkschaften, der
Jugendorganisationen, der Klubs und die meisten Minister der
amtierenden Regierung, Dutzende von Abgeordneten, mehrere hohe
Verwaltungsbeamte, zahlreiche Journalisten, Rechtsanwälte,
Schriftsteller und Schauspieler.
Nach dem Putsch vom 21. April
wurde sofort das Standrecht verhängt, es gab Zensur, Verhaftungen,
Prügel, Folter und Ermordungen. Man schätzt, dass sich die Zahl der
Opfer auf ungefähr 8.000 Personen allein im ersten Monat belief. Dies
wurde durch die Erklärung gerechtfertigt, dass alles getan werden
müsse, um die Nation vor einer „kommunistischen Übernahme“ zu retten.
Eine
vom 25. April 1967 datierte Depesche der AFP zählt die Maßnahmen auf,
die gemeinsam Innen- und Erziehungsministerium bezüglich künftiger
„Disziplinierung der Jugend“ getroffen hatten. Es heißt: hiernach
„müssen die jungen Männer auf anständiges Aussehen achten, sauber und
gepflegt sein und vor allem kurzgeschnittene Haare tragen. Die Beatles
und Beatniks, diese ausländischen Früchte des amerikanischen
Halbstarkentums, werden in Griechenland nicht mehr geduldet“. Die
Mädchen dürfen keine kurzen Röcke mehr tragen, sondern „müssen
schicklich gekleidet sein“. Außerdem wird allen Schülern befohlen,
„jeden Sonntag die Messe zu besuchen und während der Karwoche zum
Abendmahl zu gehen“.
Indessen wurden die Universitäten zur
Zielscheibe Nummer eins der Militärregierung. Schon zu Beginn des
Schuljahres 1967/68 offenbarte sich, dass die Obristen vor einer
schweren Aufgabe standen. Trotz der Willkürmaßnahmen gegen die
studentischen Vereinigungen, trotz der Auflösung aller Verbände wurde
Widerstand in den Vorlesungssälen und Laboratorien spürbar, der sich
gegen Umwandlung dieser Einrichtungen in Kasernen wehrte.
Die
Studenten boykottierten die Vorlesungen der mit dem Regime
kollaborierenden Professoren. Flugblätter wurden verteilt und
regimefeindliche Anschläge ausgehängt. Die Obristen begannen das
Problem ernstzunehmen.
Die Athener Region hatte zweifellos die
größte Zahl von Folterspezialisten und Folterzentren, wenn man dort
alle Polizeibüros, Krankenhäuser, Militärlager, Gefängnisse
berücksichtigt. Hauptunterdrückungszentrum war die Allgemeine
Sicherheitspolizei in der Bouboulinasstraße 21, die bis Juli 1969 unter
der Leitung von Papaspyropulos stand und deren Oberinspektor Basil
Lambrou bis zum Ende der Diktatur im Amt blieb. Unter seinem Befehl
standen eine große Anzahl von Inspektoren, Polizeioffizieren,
Unteroffizieren und Agenten.
Am 13. August 1968 verübte Alexandros
Panagoulis ein Attentat auf den Junta Chef Papadopoulos. Der Diktator
sollte durch einen Sprengstoffanschlag auf sein Auto in der Nähe von
Varkiza getötet werden. Das Attentat misslang, Panagoulis wurde
verhaftet und von einem Militärgericht zum Tode verurteilt.
Am 14.
November 1973 traten Studenten des Polytechnions in Athen in den
Proteststreik gegen die Militärdiktatur. Sie verbarrikadierten sich auf
den Hochschulgelände und installierten einen Radiosender, der zum Kampf
aufrief. Tausende von Arbeitern und jungen Leuten schlossen sich ihnen
an. In den frühen Morgenstunden des 17. November 1973 ließ die
Regierung, nachdem die städtische Beleuchtung ausgeschaltet worden war
und das Gelände weitgehend im Dunkeln lag, einen Panzer das Eingangstor
niederwalzen, an das sich zahlreiche Menschen klammerten, und die
Hochschule durch Soldaten stürmen. Wie viele Menschen beim Aufstand am
17. November 1973 getötet wurden, ist nie völlig geklärt worden. Nach
einer späteren offiziellen Untersuchung gab es zwar keine Todesopfer
unter Studenten des Polytechnions, jedoch kamen 24 Zivilisten bei der
Niederschlagung des Aufstands zu Tode.
http://www.youtube.com/watch?v=RIHIWFrGdQE&feature=related
Strassenkämpfe 73:
http://www.youtube.com/watch?v=Wga4-QLpRks&NR=1
Die
Protestbewegung in Griechenland Anfang der 70er Jahre war sehr
vielseitig, es gab kommunistische Gruppen die ideologisch eher bei den
Partisanenverbänden des 2. Weltkriegs standen als bei Moskau,
anarchistische Gruppen die sich von den "Leftist" absetzten und auf
Demos die Konfrontation suchten sowie Friedensgruppen. NATO und USA
sind seitdem allgemein verhasst weil sie die Obristendiktatur stützten.
Die Kommunistischen Parteien bezeichneten die BesetzerInnen des
Polytechnio als "Agenten, Provokateure und Faschisten".
Erst nach
dem Ende der Diktatur bezogen sich langsam alle Parteien positiv auf
dieses Ereigniss. Inzwischen nennt die KKE die gleichen Leute
"kommunistische Kader".
Alle Menschen in Griechenland die
heute älter als Ende 40 sind haben noch Erinnerungen an die Junta. Fast
in jeder Familie gab es Gefangene, Gefolterte oder Geflüchtete. Deshalb
ist ein starkes Mißtrauen in den Staat und die Polizei weiter
verbreitet als in anderen Ländern. Die Notwendigkeit gesellschaftliche
Konflikte mit Gewalt auszutragen hatte sich bereits durch den
Bürgerkrieg bis 1949 manifestiert.
In dieser offenen Situation
nahmen anarchistische Einflüsse ab Anfang der 80er Jahre zu. Durch
Regierungsbeteiligung der Kommunisten gab es keine andere Opposition
mehr.
In den Jahren 1985-1986 fanden fast tägliche Demos und Zusammentstösse statt. Die Anarchisten Mixalis Kaltezas (1970-1985)
http://www.youtube.com/watch?v=kPNDQIBMK-U&feature=related
http://www.youtube.com/watch?v=wI07p0pdeaM&feature=related
und
Xristos Tsoutsouvis (? - 1985) wurden während dieser Periode getötet
und ihre Tötungen verursachten sehr große Aufstände in Athen und in
Thessaloníki. Die Ermordung von Kaltezas während einer Demonstration
durch die Polizei war ein entscheidender Punkt zur Politisierung einer
ganzen Generation Jugendlicher. Die Gruppe "17.November" sprengte
deshalb einen Bus der Polizei. Der Angriff durch eine anarchistische
Demonstration auf das Hotel „Caravel“, das eine rechte Konferenz
bewirtet (unter ihnen war Jean-Marie Le Pen) war auch eine Spitze in
der Bewegung.
http://www.youtube.com/watch?v=C5vC6r4JlHA&feature=related
Ein
neues Hoch der anarchistischen Bewegung kam 1991 mit den
Hochschulkämpfen, in deren folge 1500 Unis und Schulen im ganzen Land
besetzt wurden. Der Mord am ultra-linken Lehrer Nikos Temponeras durch
Mitglieder der Nea Demokratika löste einen fast allgemeinen Aufstand
aus, mit einer starken Demonstration von 25.000 in Patras die vom
Brennen der Polizeistation und des Rathauses gefolgt wurde. Am gleichen
Tag wurden in Athen vier Leute durch ein Feuer getötet, das während
einer massiven Demonstration auftrat.
http://www.youtube.com/watch?v=VmlicjCJkYE&feature=related
Bei
der jährlichen Demonstration zum 17.November kam es 1995 zu den
schwersten Strassenschlachten. Das Polytechnio wurde besetzt und am
nächsten Tag von der Polizei gestürmt wobwei 500 Menschen verhaftet
wurden. Diese Schlacht, der Bruch des Uniasyls und die Polizeigewalt
waren die Geburtsstunde der Bewegung in ihrer heutigen Form. Dadurch
entstand sowohl eine starke Verbindung der Leute untereinander als auch
eine von der Polizei ständig genannte Begründung für Haftbefehle: Wer
1995 im Polytechnio war wird heute von Polizei und Medien als Terrorist
bezeichnet.
http://www.youtube.com/watch?v=WtoPbhePVac&feature=related
http://www.youtube.com/watch?v=2tktzl8fjTE&feature=related
http://www.youtube.com/watch?v=MlYBivq3gXY&feature=related
So
wird auch der 2006 verhaftete Bankräuber und Anarchist Giannis
Dimitrakis beschuldigt zu dem 1995 im Polytechnio festgenommenen zu
gehören. Seine Strafe wurde vor kurzem in der Berufung von 35 auf 12
Jahre reduziert.
http://www.youtube.com/watch?v=7GQEYVUGee8
Auch
der im März bei einem Schusswechsel mit der Polizei getötete Lambros
Foundas war als langjähriger Aktivist 1995 im Polytechnio.
http://www.youtube.com/watch?v=dPweYq7hV3E&feature=related
http://www.youtube.com/watch?v=KCfKfM-MxJk&feature=related
Für
die heutigen Proteste ist auch die starke Beteiligung von StudentInnen
und SchülerInnen entscheidend. Diese wurden durch die Bildungsproteste
Anfang 2007 radikalisiert. Damals konnten einige Gesetze durch massive
Proteste verhindert werden.
Typische Szene vor dem Polytechnio
http://www.youtube.com/watch?v=FUGPcd0rQ4E&feature=related
In
einer Gesellschaft, in der so viele Generationen und Schichten bereits
gegen unterschiedliche Maßnahmen Widerstand geleistet hatten, brachte
der Dezember 2008 eine tiefere Verbindung der Massen mit der
anarchistischen Bewegung.
http://www.youtube.com/watch?v=b3joxyC6_co&feature=related
http://www.youtube.com/watch?v=qtdXCnaRsGs&feature=related
Die Polizei ist in Athen von allen Seiten so verhasst wie in kaum einer anderen Stadt,
http://www.youtube.com/watch?v=U9lloNBj8l4&feature=channel
Aber
Athen ist heute auch die Graffiti Hauptstadt Europas, angesichts der
tatsächlichen Krise regt sich kaum jemand über bunte Wände auf.
http://www.youtube.com/watch?v=xfDeI99IW28&NR=1
http://www.youtube.com/watch?v=tBUWCjCpD4E&feature=related
Die ständige Killfahndung der Polizei hat die anarchistische Bewegung in den letzten Monaten schwer getroffen,
http://www.youtube.com/watch?v=j7u0rXnuDoo&feature=related
