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de.indymedia.org: Geschichte des griechischen Anarchismus

by Rudolf Mühland last modified 2011-01-02 16:09

Um der schlichten Begeisterung für Riots entgegen zu wirken soll hier über die historische Entwicklung des Anarchismus in Griechenland berichtet werden. Das ist selbstverständlich nur ansatzweise möglich und wird mit Videos verlinkt damit es nicht so trocken ist.

Das Interesse an den sozialen Kämpfen in Griechenland steigt leider meistens nur mit dem Erscheinen solcher Szenen  http://www.youtube.com/watch?v=iedU83yybZI
Häufig taucht dann die Frage auf warum dort etwas geht was bei uns unmöglich erscheint.
Bei näherem Hinsehen wird deutlich, das die Auseinandersetzungen in Griechenland mehr sind als nur Randale.


Am Morgen des 21. April 1967 kam es zum Putsch des Militärs in Griechenland und damit zu dessen Machtübernahme.
 http://www.youtube.com/watch?v=GuEzQh4ibOU&feature=related
Überall herrschten Verwirrung, Angst und Panik. Gegen Abend des 21. April 1967 waren mehr als 10.000 Personen von schwer bewaffneten Soldaten in Athen, Piräus, Patras und Thessaloniki verhaftet worden, unter ihnen zahlreiche alte und kranke Veteranen der Partisanenkämpfe gegen die deutsche Besatzung im 2. Weltkrieg, Hunderte von Funktionären und aktive Mitglieder aller politischen Parteien, der Gewerkschaften, der Jugendorganisationen, der Klubs und die meisten Minister der amtierenden Regierung, Dutzende von Abgeordneten, mehrere hohe Verwaltungsbeamte, zahlreiche Journalisten, Rechtsanwälte, Schriftsteller und Schauspieler.
Nach dem Putsch vom 21. April wurde sofort das Standrecht verhängt, es gab Zensur, Verhaftungen, Prügel, Folter und Ermordungen. Man schätzt, dass sich die Zahl der Opfer auf ungefähr 8.000 Personen allein im ersten Monat belief. Dies wurde durch die Erklärung gerechtfertigt, dass alles getan werden müsse, um die Nation vor einer „kommunistischen Übernahme“ zu retten.
Eine vom 25. April 1967 datierte Depesche der AFP zählt die Maßnahmen auf, die gemeinsam Innen- und Erziehungsministerium bezüglich künftiger „Disziplinierung der Jugend“ getroffen hatten. Es heißt: hiernach „müssen die jungen Männer auf anständiges Aussehen achten, sauber und gepflegt sein und vor allem kurzgeschnittene Haare tragen. Die Beatles und Beatniks, diese ausländischen Früchte des amerikanischen Halbstarkentums, werden in Griechenland nicht mehr geduldet“. Die Mädchen dürfen keine kurzen Röcke mehr tragen, sondern „müssen schicklich gekleidet sein“. Außerdem wird allen Schülern befohlen, „jeden Sonntag die Messe zu besuchen und während der Karwoche zum Abendmahl zu gehen“.

Indessen wurden die Universitäten zur Zielscheibe Nummer eins der Militärregierung. Schon zu Beginn des Schuljahres 1967/68 offenbarte sich, dass die Obristen vor einer schweren Aufgabe standen. Trotz der Willkürmaßnahmen gegen die studentischen Vereinigungen, trotz der Auflösung aller Verbände wurde Widerstand in den Vorlesungssälen und Laboratorien spürbar, der sich gegen Umwandlung dieser Einrichtungen in Kasernen wehrte.

Die Studenten boykottierten die Vorlesungen der mit dem Regime kollaborierenden Professoren. Flugblätter wurden verteilt und regimefeindliche Anschläge ausgehängt. Die Obristen begannen das Problem ernstzunehmen.
Die Athener Region hatte zweifellos die größte Zahl von Folterspezialisten und Folterzentren, wenn man dort alle Polizeibüros, Krankenhäuser, Militärlager, Gefängnisse berücksichtigt. Hauptunterdrückungszentrum war die Allgemeine Sicherheitspolizei in der Bouboulinasstraße 21, die bis Juli 1969 unter der Leitung von Papaspyropulos stand und deren Oberinspektor Basil Lambrou bis zum Ende der Diktatur im Amt blieb. Unter seinem Befehl standen eine große Anzahl von Inspektoren, Polizeioffizieren, Unteroffizieren und Agenten.
Am 13. August 1968 verübte Alexandros Panagoulis ein Attentat auf den Junta Chef Papadopoulos. Der Diktator sollte durch einen Sprengstoffanschlag auf sein Auto in der Nähe von Varkiza getötet werden. Das Attentat misslang, Panagoulis wurde verhaftet und von einem Militärgericht zum Tode verurteilt.
Am 14. November 1973 traten Studenten des Polytechnions in Athen in den Proteststreik gegen die Militärdiktatur. Sie verbarrikadierten sich auf den Hochschulgelände und installierten einen Radiosender, der zum Kampf aufrief. Tausende von Arbeitern und jungen Leuten schlossen sich ihnen an. In den frühen Morgenstunden des 17. November 1973 ließ die Regierung, nachdem die städtische Beleuchtung ausgeschaltet worden war und das Gelände weitgehend im Dunkeln lag, einen Panzer das Eingangstor niederwalzen, an das sich zahlreiche Menschen klammerten, und die Hochschule durch Soldaten stürmen. Wie viele Menschen beim Aufstand am 17. November 1973 getötet wurden, ist nie völlig geklärt worden. Nach einer späteren offiziellen Untersuchung gab es zwar keine Todesopfer unter Studenten des Polytechnions, jedoch kamen 24 Zivilisten bei der Niederschlagung des Aufstands zu Tode.
 http://www.youtube.com/watch?v=RIHIWFrGdQE&feature=related
Strassenkämpfe 73:  http://www.youtube.com/watch?v=Wga4-QLpRks&NR=1

Die Protestbewegung in Griechenland Anfang der 70er Jahre war sehr vielseitig, es gab kommunistische Gruppen die ideologisch eher bei den Partisanenverbänden des 2. Weltkriegs standen als bei Moskau, anarchistische Gruppen die sich von den "Leftist" absetzten und auf Demos die Konfrontation suchten sowie Friedensgruppen. NATO und USA sind seitdem allgemein verhasst weil sie die Obristendiktatur stützten. Die Kommunistischen Parteien bezeichneten die BesetzerInnen des Polytechnio als "Agenten, Provokateure und Faschisten".
Erst nach dem Ende der Diktatur bezogen sich langsam alle Parteien positiv auf dieses Ereigniss. Inzwischen nennt die KKE die gleichen Leute "kommunistische Kader".

Alle Menschen in Griechenland die heute älter als Ende 40 sind haben noch Erinnerungen an die Junta. Fast in jeder Familie gab es Gefangene, Gefolterte oder Geflüchtete. Deshalb ist ein starkes Mißtrauen in den Staat und die Polizei weiter verbreitet als in anderen Ländern. Die Notwendigkeit gesellschaftliche Konflikte mit Gewalt auszutragen hatte sich bereits durch den Bürgerkrieg bis 1949 manifestiert.

In dieser offenen Situation nahmen anarchistische Einflüsse ab Anfang der 80er Jahre zu. Durch Regierungsbeteiligung der Kommunisten gab es keine andere Opposition mehr.
In den Jahren 1985-1986 fanden fast tägliche Demos und Zusammentstösse statt. Die Anarchisten Mixalis Kaltezas (1970-1985)  http://www.youtube.com/watch?v=kPNDQIBMK-U&feature=related
 http://www.youtube.com/watch?v=wI07p0pdeaM&feature=related
und Xristos Tsoutsouvis (? - 1985) wurden während dieser Periode getötet und ihre Tötungen verursachten sehr große Aufstände in Athen und in Thessaloníki. Die Ermordung von Kaltezas während einer Demonstration durch die Polizei war ein entscheidender Punkt zur Politisierung einer ganzen Generation Jugendlicher. Die Gruppe "17.November" sprengte deshalb einen Bus der Polizei. Der Angriff durch eine anarchistische Demonstration auf das Hotel „Caravel“, das eine rechte Konferenz bewirtet (unter ihnen war Jean-Marie Le Pen) war auch eine Spitze in der Bewegung.
 http://www.youtube.com/watch?v=C5vC6r4JlHA&feature=related

Ein neues Hoch der anarchistischen Bewegung kam 1991 mit den Hochschulkämpfen, in deren folge 1500 Unis und Schulen im ganzen Land besetzt wurden. Der Mord am ultra-linken Lehrer Nikos Temponeras durch Mitglieder der Nea Demokratika löste einen fast allgemeinen Aufstand aus, mit einer starken Demonstration von 25.000 in Patras die vom Brennen der Polizeistation und des Rathauses gefolgt wurde. Am gleichen Tag wurden in Athen vier Leute durch ein Feuer getötet, das während einer massiven Demonstration auftrat.
 http://www.youtube.com/watch?v=VmlicjCJkYE&feature=related

Bei der jährlichen Demonstration zum 17.November kam es 1995 zu den schwersten Strassenschlachten. Das Polytechnio wurde besetzt und am nächsten Tag von der Polizei gestürmt wobwei 500 Menschen verhaftet wurden. Diese Schlacht, der Bruch des Uniasyls und die Polizeigewalt waren die Geburtsstunde der Bewegung in ihrer heutigen Form. Dadurch entstand sowohl eine starke Verbindung der Leute untereinander als auch eine von der Polizei ständig genannte Begründung für Haftbefehle: Wer 1995 im Polytechnio war wird heute von Polizei und Medien als Terrorist bezeichnet.
 http://www.youtube.com/watch?v=WtoPbhePVac&feature=related
 http://www.youtube.com/watch?v=2tktzl8fjTE&feature=related
 http://www.youtube.com/watch?v=MlYBivq3gXY&feature=related

So wird auch der 2006 verhaftete Bankräuber und Anarchist Giannis Dimitrakis beschuldigt zu dem 1995 im Polytechnio festgenommenen zu gehören. Seine Strafe wurde vor kurzem in der Berufung von 35 auf 12 Jahre reduziert.  http://www.youtube.com/watch?v=7GQEYVUGee8

Auch der im März bei einem Schusswechsel mit der Polizei getötete Lambros Foundas war als langjähriger Aktivist 1995 im Polytechnio.
 http://www.youtube.com/watch?v=dPweYq7hV3E&feature=related
 http://www.youtube.com/watch?v=KCfKfM-MxJk&feature=related

Für die heutigen Proteste ist auch die starke Beteiligung von StudentInnen und SchülerInnen entscheidend. Diese wurden durch die Bildungsproteste Anfang 2007 radikalisiert. Damals konnten einige Gesetze durch massive Proteste verhindert werden.
Typische Szene vor dem Polytechnio
 http://www.youtube.com/watch?v=FUGPcd0rQ4E&feature=related

In einer Gesellschaft, in der so viele Generationen und Schichten bereits gegen unterschiedliche Maßnahmen Widerstand geleistet hatten, brachte der Dezember 2008 eine tiefere Verbindung der Massen mit der anarchistischen Bewegung.
 http://www.youtube.com/watch?v=b3joxyC6_co&feature=related
 http://www.youtube.com/watch?v=qtdXCnaRsGs&feature=related
Die Polizei ist in Athen von allen Seiten so verhasst wie in kaum einer anderen Stadt,
 http://www.youtube.com/watch?v=U9lloNBj8l4&feature=channel

Aber Athen ist heute auch die Graffiti Hauptstadt Europas, angesichts der tatsächlichen Krise regt sich kaum jemand über bunte Wände auf.
 http://www.youtube.com/watch?v=xfDeI99IW28&NR=1
 http://www.youtube.com/watch?v=tBUWCjCpD4E&feature=related

Die ständige Killfahndung der Polizei hat die anarchistische Bewegung in den letzten Monaten schwer getroffen,  http://www.youtube.com/watch?v=j7u0rXnuDoo&feature=related

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