(aus dem FdA-IFA) "Nico" zur Kritik der FA Informale
Nicht nur die Sprache der FA Informale ist militärisch, sondern auch ihr Denken. Die "GenossInnen" sehen sich als SoldatInnen des "Sozialen Krieges" zwischen Unterdrückern und den Unterdrückten. SoldatInnen, die einander erst in der Schlacht erkennen, wenn es irgendwo "an der Front" wieder eine "Aktion" vorgeblich gegen die Herrschenden gab. Ein Konzept, das uns von den "Revolutionären Zellen" noch bekannt sein sollte.
Tatsächlich jedoch wird durch Bomben in öffentlichen Grünanlagen, in Theatern oder bei Liveübertragungen der Tod ebenso unterdrückter Proletarier z.B. als zufällige Passanten, Theaterbesucher oder zufällig neben der Bombe stehender Menschen billigend in Kauf genommen. Dieser Zynismus der FA Informale ist durchaus mit den Aktionen der US-Army in Pakistan und Afghanistan oder der israelischen Armee im Gazastreifen vergleichbar, wo Unbeteiligte bluten, um das eigentliche Ziel - den Feind oder eine feindliche Institution - angreifen und gegebenenfalls vernichten zu können. Sowohl beim Militär als auch bei der FA Informale ist der Tod oder das Verstümmeln von Unbeteiligten eben ein Kollateralschaden.
Infolge des Mangels, die bewachten oberen Chargen des Systems angreifen zu können, ohne enttarnt und für Jahrzehnte in den Knast gesteckt zu werden, führt die FA Informale Krieg gegen untere Chargen, Pförtner, Briefboten und Putzfrauen. Ihr Zynismus wird nur von ihrer Feigheit übertroffen, den Preis ihrer Propaganda der Tat zu zahlen, indem sie ans Licht der Öffentlichkeit aus dem Dunkeln der Anonymität hervortreten. Ihre historischen Vorbilder zeigten offen ihr Gesicht und achteten darauf, daß ihre Bomben auch die Adressaten erreichten, an die sie gerichtet waren. Ihre heutigen Nachfahren kommen im Schutze der Nacht oder verstecken sich hinter der staatlichen Post, um es dem Zufall zu überlassen, wer von ihren Bomben in Stücke gerissen wird.
Keine Bombe "in der Nähe einer Kaserne" richtet sich gegen die Kaserne selbst, sondern tötet wahllos zufällig in der Nähe der Bombe befindliche Personen. Die Behauptung, damit einen Schlag gegen die Herrschenden ausgeführt zu haben, ist falsch. Nur eine Bombe in der Kaserne selbst wäre ein Anschlag gegen die Polizeikaserne als repressive Institution - sofern man sich auf die zynische Logik einläßt, in jedem Polizisten, Pförtner oder in jeder Putzfrau einen Soldaten bzw. Soldatin des Gegners im "Sozialen Krieg" zu erkennen.
Eine Logik, die Menschen auf ihre Funktion reduziert, aus Polizisten Schweine und Juden Ungeziefer macht und seit Jahrhunderten von den Herrschenden gepflegt wird. Eine Logik, die Menschen ihre Menschenwürde nimmt, um sie ohne empathisches Empfinden vernichten zu können. Die Parole "Nur ein toter Bulle ist ein guter Bulle" entspringt dem gleichen faschistischen Denken wie die Parole "Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer"!
Menschen sind für die FA Informale offenbar statische Größen, mit ihrer Funktion im System verschmolzen und an diese gekettet, keine lebendigen Menschen, die ihre Rolle überdenken und ihre Haltung ändern können. Ihre primitive Logik behauptet: Einmal Bulle - immer Bulle, einmal Schwein - immer Schwein. Statt zu begreifen, daß andere an ihre Stelle treten, wenn man einen Polizisten tötet, solange die Herrschaft in den Kinderzimmern dem System genügend ihrer selbst entfremdete Menschen zuführt, zu begreifen, daß Polizisten sich wie alle anderen Menschen auch ihrer Entfremdung bewußt werden und der Herrschaft die Gefolgschaft verweigern können, richtet sich ihr Haß gegen die Polizei als Lückenbüßer, da man die eigentlich Schuldigen nicht zur Rechenschaft ziehen will oder kann.
Es sind nicht die Schließer im Knast oder die Schergen auf der Straße - ja noch nicht einmal die Flicks, die Prodis, Berlusconis, Westerwelles, Merkels, Putins oder Obamas - sondern jene, die uns lehrten, ihre herrschaftliche Manipulation als Fürsorge und die Verstümmelung unserer werdenden Persönlichkeit als Liebe und Anerkennung zu begreifen. Es sind jene, die uns den Weg der Macht eines Oben und Unten als einzige Möglichkeit sozialer Beziehungen lehrten und unsere "Freiheit" auf den zwanghaften Ungehorsam gegenüber Autoritäten verkürzten. Es sind all jene, die uns der Illusion erliegen ließen, mit oder ohne Knarre in der Tasche unseren Machtanspruch gegen ihren Machtanspruch zu richten und in diesem entfremdeten, dem herrschenden System dienenden Tun auch noch auf Befreiung zu einer Welt der Liebe und Solidarität zu hoffen.
Sind die Kinder von Prodi, seine Ehefrau, die Gärtner, die Küchenhilfen und anderen Hausangestellten für die Politik von Prodi verantwortlich? Ist ihre familiäre oder wirtschaftliche Beziehung zu Prodi Grund genug, sie zum Tode oder zum Verlust von Armen und Beinen zu verurteilen? Heimlich führen hier faschistisch denkende "anarchistische" Genossen und Genossinnen die u.a. unter den Nazis übliche Sippenhaftung wieder ein, indem man nicht direkt den Tyrannen selbst, sondern seine Kinder und Sippenangehörigen das Fürchten lehren will und sich zum Richter und Henker über sie in ein und derselben Person aufschwingt.
Ein Kratzer in der Mauer eines Knastes verletzt nicht das herrschende System, solange die Revolutionäre das gleiche Denken wie ihre Unterdrücker pflegen, wie diese Menschen ihrer Menschenwürde entkleiden, zur Funktion degradieren und zum Abschuss freigeben. Denn das System lebt nicht durch seine Institutionen, sondern durch das entfremdete Denken, entfremdete Sein und entfremdete Handeln, welches sich in den Institutionen manifestiert; wird dieses Denken nicht überwunden, das Menschen in ein System zwängt und auf die jeweilige Rolle, die der konkrete Einzelne in diesem System spielen soll, reduziert, kann es keine Befreiung geben. Die Entfremdung des Menschen von sich selbst ist seit Jahrhunderten die Gleiche, obgleich die Institutionen sich mehrfach wandelten.
Selbst Folterer sind nicht nur Täter, sondern auch Opfer einer autoritären, repressiven und mehr oder weniger eine Entfremdung von sich selbst erzwingenden Erziehung; Herrschaft beginnt schon im Kinderzimmer und nicht erst an der Werkbank, wenn ein Pharao uns ausbeuten will. Hundert Jahre nach der Psychoanalyse von S. Freud und Otto Groß hängt die FA Informale einer völlig veralteten und überholten Herrschaftsanalyse an, als müsse man nur ein paar Knäste und Kasernen wegbomben, um die Entfremdung, die Herrschaft des Menschen über den Menschen und die Ausbeutung ein für alle mal zu beenden.
Ihr "Sozialer Krieg" ist nichts anderes als Marx Klassenkampf. Ihr Anarchismus ist reduziert auf eine Klasse und innerhalb dieser auf ihre eigene Gruppe; ihr Anarchismus sucht bestenfalls eine Klasse auf Kosten aller anderen Schichten und Klassen zu befreien und ist keine Angelegenheit aller heute bestehenden Gesellschaften der Menschheit mehr.
Nur wer der Klasse, in deren Namen sie "kämpfen" und in dieser ihrer Gruppe, informellen Armee oder Partei angehört, hat in den Augen der FA Informale Anspruch auf Menschenwürde, da er nicht dem herrschenden System angehört.
Daß auch Polizisten letzten Endes ausgebeutete lohnabhängige Proletarier sind, wollen sie als Negation ihres schwarz-weißen Feindbildes nicht gelten lassen. Die Menschenwürde nur Angehörigen der eigenen Gruppe zuzubilligen, führt zurück vor die puritanische Revolution in England, als man den Dienern, Arbeitern und Zofen nicht die gleichen Rechte und menschliche Würde zuerkennen mochte, sondern diese auf die eigene Gruppe der Landeigentümer eingrenzte. Hier steht der Geist der schweizerischen Urgemeinden wieder auf, die nichts dabei fanden, selbst als freie Bauern in direkter Demokratie zu leben und trotzdem in den umliegenden "feindlichen" Tälern Menschen zu ihren Leibeigenen zu machen, nachdem man diese Täler erobert hatte.
In einem Punkt muß man der FA Informale recht geben: Der Staat befindet sich sowohl in Kriegs- als auch in Friedenszeiten in einem permanenten Zustand des Krieges. Ohne innere und äußere Feinde kann der Staat sein Gewaltmonopol und seine Repression nicht rechtfertigen - weshalb man notfalls Feinde und eine deutliche Bedrohung erfindet, wenn es keine Dumpfbacken gibt, die sich dem Staat als zu bekämpfende innere oder äußere Feinde zur Verfügung stellen.
Die FA Informale dient dem herrschenden System, indem die Kämpfer im "Sozialen Krieg" sich auf die Logik des Staates eines inneren und äußeren Krieges voll und ganz einlassen. Alle Bewegungen in seinem Inneren sowie von außen gegen ihn gerichtet sucht der Staat seiner militärischen Logik zu unterwerfen, zu den Waffen zu greifen, um gegen die Bewegung sein Gewaltmonopol ein für alle mal durchzusetzen. Der Staat sucht und braucht Kritiker und Gegner, die sein Gewaltmonopol in Frage stellen, um diese als Feinde ausgrenzen und sie mit ihrer möglicherweise berechtigten Kritik eliminieren zu können. Er benötigt die Gewalt der Gosse, um seine Repression zu rechtfertigen - und er setzt gezielt diese Repression ein, um Menschen zu Gewalttätern zu machen und anschließend öffentlich kriminalisieren zu können. Hochgerüstet durch eine Armee gegen äußere Feinde und eine gegen innere Feinde arbeitende Armee, die man gemeinhin Polizei, BGS oder Guardia Civil nennt, geht eine Gefährdung des Systems von gewaltfrei mit der Macht der Moral und des öffentlichen Ansehens arbeitenden Bewegungen aus und nicht von Gruppen oder Bewegungen, die ihre lächerlichen Pistolen und Bomben gegen das Gewaltmonopol des Staates richten.
Motiv der FA Informale für ihre Propaganda der Tat ist Langeweile. Ein Gefühl, daß Menschen im Prozess der Überwindung der Entfremdung von sich selbst nicht kennen. Weil sie durch ihre durchlebte repressive Erziehung innerlich ihrem Empfinden fremd geworden sind, kann nur äußere Spannung ihnen das Gefühl geben, am Leben zu sein. Einige füllen diese innere Leere durch den Reiz des Neuen im Taumel des Konsum, einige suchen immer wieder im Gebirge neue Herausforderungen, andere bauen Bomben und spielen mit den Repressionsorganen Katz und Maus. Alles, um sich nicht zu langweilen und der Leere infolge der erzwungenen Verdrängung vom eigenen Empfinden zu entkommen.
"Nico"