Anarcho Primitivismus
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Ich habe bewusst diesen "provokativen" Titel gewählt.
ich bin mir bewusst, dass ein großer Teil der
Anarcho-primitivisten nicht gerade tolerant, bzw. im Gegenteil eher
mit einem Absolutheitsanspruch antreten.
Dabei spielt sicherlich auch die "vergöttlichung" der
Natur eine Rolle, die nico schon zu recht kritisiert hat. Der
"ist-zustand" der Natur wird normativ überhöht und so die
rolle des Menschen, als die der Unterordnung, festgelegt.
Trotzdem bin ich der Meinung,dass dies auf keinen Fall aus einer
primitivistischen Anschauung folgen MUSS, sondern diese vielmehr
interessante Ansätze zu einer fundierten Zivilisationskritik
beinhaltet.
Sehr interessant fand ich hierzu auch das Manifest
des Unabombers, Ted Kaczynski.
Über seine persönliche Einstellung bzw. die daraus resultierenden
gewalttätigen Handlungen kann mensch sicher streiten, trotzdem fand
ich seine Technik Kritik durchaus schlüssig. Auch die Kritik an der
(bürgerlichen) Linken fand ich sehr inspirierend.
Für mich ist am
primitivistischen Ansatz eher die Analyse der Technologie, bzw. die
Ablehnung dieser, entscheidend. Auf welche weise die Menschen in
einer Gesellschaft der freien Übereinkunft leben wollen kann niemand
wissen. Die Frage ist wohl eher wie ich selbst gerne leben möchte
und welche gesamtgesellschaftlichen ziele ich demnach anstrebe, im
Bewusstsein, dass ich diese ziele nicht für alle verbindlich machen
kann/darf.
Kurz gesagt ist mir bewusst,
dass ich niemanden daran hindern kann/darf Technologie zu benutzen
bzw. Fabriken zu betreiben, solange dies nicht auf eine
herrschafts-konstituierende weise geschieht. Wie ich unsere
Technologie wahrnehme, so hängt sie unmittelbar von einer hochgradig
spezialisierten Arbeitsteilung ab, einer komplexen Logistik, die
wiederum auch viele unangenehme/eintönige Arbeit produziert. Ich
glaube nicht dass diese Arbeit "freiwillig" verrichtet
werden wird. Natürlich währen die Arbeitsbedingungen (Atmosphäre,
Dauer usw.) völlig andere, aber öde Arbeit bleibt eben öde und
kann außerdem nur relativ dezentralisiert werden, da eben die
Produktionsmittel an wenigen orten zentriert bleiben werden.
Die Dezentralisierung scheint
mir eine der wichtigsten Vorbedingungen für Herrschaftsfreiheit zu
sein. Ein Kritik punkt aus dem unabombermanifest ist, dass Technik
eben ziemlich viele Menschen miteinbezieht bzw. verbindet bzw. durch
ihre folgen mittelbar oder unmittelbar betrifft. Dies erschwert einen
Konsens, bzw. macht ihn teilweise wahrscheinlich unmöglich. Sie
kreiert eine virtuelle „Gemeinschaft“ durch deren Größe der
einzelne seine Bedeutung einbüßt und dadurch ein Ungleichgewicht
schafft. Auch hier bin ich gespannt auf eine anarchistische
alternative zur Lösung diese Problems, glaube aber selber eben nicht
wirklich daran.
Es ist unbestritten,dass uns
Maschinen Arbeit abnehmen bzw. erleichtern. Doch die Maschinen
herzustellen und zu betreiben schafft eben auch wieder neue Arbeit
die -meiner Meinung nach- automatisch eine relative Entfremdung mit
sich bringt. In dem sinne sehe ich die Trennung des Arbeiters von
seinem Produkt eben nicht nur in der mangelnden Mitbestimmung bzw.
den Eigentumsrechten sondern glaube dass die Trennung schon im
Gebrauch der Maschine immanent ist, da sie mich eben von der
Tätigkeit und dem Material direkt „trennt“.
Die frage ist eben ob ein
leichteres leben, bzw. leichtere körperliche Arbeit auch ein
zufriedeneres leben schaffen kann.
Ich denke dies ist eine frage
die relativ zentral ist, wenn mensch versucht sich eine zufriedenere
Gesellschaft vorzustellen. Dass sie nicht eindeutig beantwortbar ist,
geschweige den sich daraus ein Absolutheitsanspruch herzuleiten
ergibt sich für mich alleine schon aus der Prämisse der Anarchie
Es geht einfach darum sich
kritisch mit den begriffen des Fortschritts (fort von was?) und der
menschheits- Entwicklung (entwickeln zu was?) auseinander zusetzen,
die eben die Grundlage für die kapitalistische Ideologie an sich
bilden.
Wie gesagt kann ich mir eben
keine arbeitsteilige technologisierte Gesellschaft im weltmaßstab
vorstellen, wahrscheinlich eben auch weil ich sie nicht als
wünschenswert ansehe. Sollte ich eines besseren belehrt werden so
werde ich entweder mich staunend an ihr erfreuen oder eben zurück in
meine „primitive“ Hütte gehen und sie sein lassen.
Fakt ist aber eben auch, dass
auch ich Teilaspekte unseres technologisierten Lebenswandels genieße,
aber eben gerne bereit dazu wäre diese gegen ein „freies“ leben
einzutauschen wenn ich vor die unmittelbare Entscheidung gestellt
wäre.
Soweit mal, wollte eigentlich
noch auf das unmittelbare Verhältnis mensch-natur eingehen, aber
jetzt bin ich lang genug vor dem Bildschirm geklebt...
Durch das Internet ist indes nicht eine gemeinsame virtuelle Gemeinschaft gegeben, sondern eine virtuelle Gemeinschaft von Gemeinschaften - aufgeteilt nach Sprachen, Kulturen, politischer Einstellung und Interessen. Die sprachlichen, politischen und kulturellen Gegensätze der realen Welt setzen sich im Internet weitgehend fort. Die Kritik des Unabombers, die angeblich singuläre weltweite virtuelle Gemeinschaft mache den Menschen klein und beraube ihn seiner Größe und Bedeutung, zeigt, daß der Charakter des Netzes nicht verstanden wurde. Man kann eben nicht die Kritik am den Menschen zum Empfänger von Sendungen reduzierenden Fernsehen, welches keine Beteiligung des Einzelnen zulässt, auf das Internet übertragen, in welchem die Beteiligung und Auswahl des Einzelnen geboten ist.
Gerade diese virtuellen Gemeinschaften nehmen die anarchistische Gesellschaft von Gesellschaften vorweg, indem der multipolare Charakter der menschlichen Welt offenbar wird. Der Unabomber hat offenbar den multipolaren Charakter der menschlichen Wirklichkeit - der Grundlage der anarchistischen Theorie und Wirklichkeitsauffassung ist - nicht verstanden. Die Welt wird monopolar aufgefaßt, so als wären alle Menschen Bürger ein und desselben Landes und deshalb wäre ein alle Bürger dieses weltumspannenden Landes betreffender Konsens möglich und wünschenswert. Diese Weltgesellschaft jedoch ist fiktiv und nicht mit der multipolaren, verschiedenen Traditions- und Entwicklungslinien folgenden Realität in Übereinstimmung zu bringen. Notwendigerweise ist die soziale Einbindung auch der Technologie in asiatischen Gesellschaften wie z.B. Japan eine völlig andere als in Europa, so daß die Kritik des Unabombers dort völlig anders verstanden wird als in Europa oder den USA.
Die Kritik kritisiert nicht nur die Entfremdung durch Maschinen, sondern im Kern schon die menschliche Erfindung der Schriftsprache, durch welche Menschen ihre Gedanken und Gefühle veräußern und vergegenständlichen. Der PC ist dabei nur eine Erweiterung der Schreibmaschine und diese ist nur eine Form des Bleistiftes oder des Hölzchen, mit dem vor 5 000 Jahren Schriftzeichen in eine Tontafel geritzt wurden. Sowohl der PC als auch die Tontafeln funktionieren nur im Zusammenspiel mit dem Kopf eines Menschen, der im Besitz der nötigen Exformation ist, um sich die Information der übermittelten Zeichen zu entschlüsseln. Fehlt diese Exformation und kann eine Sprache nicht mehr von Menschen verstanden werden, so verfällt ihr Code zu einer Ansammlung sinnloser Zeichen. Die Kritik an dieser maschinellen Vergegenständlichung negiert die Freiheitsgrade, die in der Tatsache verborgen sind, mit Schiller oder Pushkin in Beziehung treten zu können, obgleich beide seit vielen Jahren nicht mehr am Leben sind.
Diese Kritik ist letztlich primitiv, da sie in der Konsequenz behauptet, der Kunstmaler wäre von seinen Farben durch die Verwendung eines Pinsels entfremdet und könne zu seinem Produkt nur eine Beziehung haben, wenn er die Farben mit den Fingern anmischen und auftragen würde. Maschinen und die Daten- sowie Tonträger werden nicht als vergegenständlichte Gedächtnisinhalte und Geschichten der Menschen anerkannt, als Form der Überlieferung, wie sie in Gestalt des Sängers und Wächters der Traditionen schon an den Feuern der primitiven Kulturformen der Menschen aufgefunden werden kann. Entfremdung wird ganz im Sinne dieser Entfremdung des Menschen von sich selbst deshalb dem Werkzeug und nicht der menschlichen Psyche zugeschrieben.
Die Entfernung und Entfremdung des Arbeiters von seinem Produkt liegt im abstrakten menschlichen Denken, durch den z.B. im Arbeits-und Sozialamt aus Menschen "Antragsteller" und "Vorgänge" bzw. "Fälle" werden, deren Menschlichkeit keine Rolle mehr spielt - und weniger darin, daß eine Rechenmaschine Verwendung findet oder der "Vorgang" am PC bearbeitet wird. Die Kritik der Entfremdung durch die Maschine wertet Symptome zu Ursachen auf und läßt die Tatsache außen vor, daß es eines abstrakt denkenden Menschen bedarf, um andere Menschen auf ihre Funktion im Bezug auf einen Vorgang oder ein gesellschaftliches Ziel zu reduzieren. In den Maschinen kann sich nur all jenes abbilden und vergegenständlichen, was zuvor von Menschen erdacht wurde - die Maschinen können deshalb nur Spiegel einer entfremdeten oder nicht entfremdeten menschlichen Psyche sein.
Die Entfremdung entsteht nicht durch Maschinen oder die Technologie, sondern durch die frühkindliche Erfahrung erzieherischer Herrschaft und deren Konsequenzen. Eine Konsequenz ist die lebenslange Flucht vor der eigenen Lebendigkeit und das Bedürfnis, die Lebendigkeit der den Menschen umgebenden Natur einzugrenzen oder ganz aus dem Alltag auszuschalten. Die Entfremdung des Menschen von sich selbst und die damit verbundene Ausschaltung der Fähigkeit des Mitleidens ist entscheidend, um ohne das bewußte Erleben des Schmerzes anderer Menschen und Tiere diesen Schaden zufügen, sie schlagen, mißhandeln und als Dinge behandeln zu können.
So können autoritär erzogene Menschen andere Menschen für kleine Fehler mit Stromstößen zu Tode foltern, wenn sie von einem autoritären Versuchsleiter dazu aufgefordert werden. Und autoritär erzogene Menschen können ohne Mitleid Tiere im Schlachthof keulen und ihrem Todeskampf beiwohnen, ja, oft genug gegen die Tierschützer und ihre Tierschutzgesetze fluchend, ohne nur einen Gedanken an das Leid ihrer Schlachttiere zu verschwenden.
Robert Robertsen