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Gender und Anarchie - Zwei utopische Klassiker von Ursula K. Le Guin

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Gender und Anarchie - Zwei utopische Klassiker von Ursula K. Le Guin

Posted by Rudolf Mühland at September 08. 2007

Von Rolf Löchel


Besprochene Bücher ...

Dass ausgerechnet eine Frau alle Rekorde in der bis dato
ausgewiesenen Männerdomäne der Science Fiction schlug, war in den 60-er
und 70-er Jahren des gerade zuende gegangenen Jahrhunderts eine
ausgemachte Sensation. Nicht nur, dass Ursula K. Le Guin 1970 für ihren
Roman "The Left Hand of Darkness" sowohl den "Nebula" als auch den
"Hugo" einheimste, die beiden bedeutendsten Preise für SF-Literatur -
bislang hatten die Preisrichter eine solche Ehre noch keiner Frau
zukommen lassen -, vier Jahre später bekam sie wiederum beide Preise,
diesmal für "The Dispossessed". Dieses Kunststück, zwei Mal für beide
Auszeichnungen preiswürdig zu sein, war bisher keinem ihrer männlichen
Kollegen gelungen, und inzwischen zählt Ursula K. Le Guin zu den
wenigen kanonisierten weiblichen SF-AutorInnen.


Die beiden preisgekrönten Werke liegen nun auch in
Deutschland wieder vor. Ersteres nicht wie in den 70-er Jahren unter
dem Titel "Winterplanet", sondern als "Die linke Hand der Dunkelheit"
und neu bevorwortet. "The Dispossessed" heißt zwar nach wie vor "Planet
der Habenichtse", ist jedoch neu übersetzt.


Bei dem Roman "Die linke Hand der Dunkelheit" handelt es
sich um nicht weniger als die erste Geschlechter-Utopie: Die Menschen
auf dem Planeten Winter, die Gethianer, sind vier Fünftel ihres
Erwachsenenlebens geschlechtslos, nur während der sogenannten Kemmer
entwickeln sie vorübergehend männliche oder weibliche
Geschlechtsorgane, wobei sie vorher weder wissen, welches Geschlecht
sie annehmen werden, noch Einfluss darauf haben. Auch haben sie keine
bestimmte Vorliebe für eines der Geschlechter. Sind sie nach dem
Verständnis des auf ihrem Planeten gelandeten männlichen Terraners die
meiste Zeit ihres Lebens "hermaphroditische Neutren", so sehen sie sich
selbst als "Potentiale" oder "Integrale". Der lebenslänglich auf ein
Geschlecht festgelegte und ständig sexualisierte Terraner hingegen ist
für sie ein "sexuelles Monstrum". In einer Gesellschaft wie der
gethenianischen gibt es keine Vergewaltigung und natürlich keinen
Ödipus-Mythos. Da kein Individuum weiß, ob es sich in der nächsten
Kemmer-Phase zur Frau oder zum Mann entwickelt, jedeR Mutter des einen
und Vater eines anderen Kindes sein kann, ist die gethenianische
Gesellschaft "in ihren alltäglichen Funktionen und ihrer Kontinuität
frei von Konflikten, die ihren Ursprung in der Sexualität haben", denn
"jeder kann alles machen". Überhaupt, so heißt es an einer Stelle, ist
"die Tendenz zum Dualismus, die das Denken der Menschen so beherrscht,
auf Winter weit weniger stark ausgeprägt". Eine solche Gesellschaft
vorzustellen, ist zumindest das Anliegen Le Guins, doch gelingt es ihr
nur bedingt. Zwar sind Denken und Gemeinschaft nicht durch die
Geschlechterdichotomie bestimmt, doch ist "alles [...] dem
Somer-Kemmer-Zyklus unterworfen", einer anderen Dichotomie also.


Das Buch ist von feministischer Seite - zum Teil sehr
heftig - dafür kritisiert worden, dass die angebliche
Geschlechter-Utopie in einer durchgängig männlichen Sprachform erzählt
sei und herkömmliche patriarchalische Werte und männliches Gedankengut
transportiere. Diese Kritik ist nicht von der Hand zu weisen. Zwar
handelt es sich bei der Erzählfigur um einen männlichen Terraner,
dessen geschlechterhierarchisches Denken sich notwendig in seiner
Darstellung niederschlägt. Doch auch die Gethenianer selbst reden in
ihren zwischengeschalteten Berichten von "alten Männern", wenn sie alte
Menschen - respektive alte Gethenianer - meinen, oder führen
Sprichwörter wie "Ein Mann muß seinen eigenen Schatten werfen" im
Munde. Le Guin hat die feministische Kritik ernst genug genommen, um in
dem 1976 erschienen und 1987 überarbeiteten Aufsatz "Is Gender
Necessary? Redux" auf sie zu reagieren und sich dafür zu entschuldigen,
dass alle Charaktere des Romans Männer zu sein scheinen, da sie es -
weitgehend - unterlassen hat, Androgynität auch von einem weiblichen
Standpunkt aus zu beschreiben. Nur in einem einzigen Kapitel, dem
Bericht einer Terranerin über die Sexualität der Gethenianer, gelingt
ihr das. Trotz dieses gravierenden Mangels handelt es sich bei dem
seinerzeit bahnbrechenden Werk nach wie vor um eine lesenswerten
Geschlechter-Utopie, die eine Gesellschaft beschreibt, die im übrigen
alles andere als frei von Gewalt und Herrschaft ist.


Im "Planet der Habenichtse", dem zweiten Roman, stehen
sich die kapitalistische Welt Urras, die in fast allem an die
Verhältnisse auf der Erde der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
erinnert (Urras wird im Englischen fast genauso ausgesprochen wie
earth), und das anarchistische Anarres gegenüber, das sich allerdings
weniger durch die Vorzüge eines idealen Anarchismus auszeichnet als
durch die Mängel des 'real existierenden Sozialismus' zur Zeit von Le
Guins Arbeit an dem Roman. Zwar stehen die unterschiedlichen
politischen Gesellschaftsformen und mit ihnen auf vielfältige Weise
verknüpfte physikalische Überlegungen und Theorien im Mittelpunkt, doch
wird auch hier das Geschlechterverhältnis problematisiert. Bereits auf
den ersten Seiten wird die Gesellschaftsform der Urrastis männlich
aggressiv metaphorisiert und die der Anarrestis weiblich: Ein Urrasti
trägt "ein seltsam phallisch geformtes Metallobjekt, und blickt
herablassend auf die unbewaffnete Frau [von Anarres] herab". Überhaupt
handelt es sich bei den Urrasti um Frauenverachter ersten Ranges. Auf
einen Bericht des - männlichen - Protagonisten, dem genialen Physiker
Shevek ,über die Gleichberechtigung auf Anarres antwortet einer der
"Propertarier" empört: "Sie können mir doch nicht weismachen, dass sie
sich ständig" auf das Niveau der Frauen "herabbegeben", die doch "nur
mit dem Uterus" denken. Aber auch etliche der Anarchisten sind nicht
frei von misogynen Auffassungen: "Eine Frau kann niemals ein richtiger
Odonier sein", meint einer der Anarresti. Der Einwand, dass Odo selbst,
die Begründerin der anarchistischen Ideologie, eine Frau gewesen sei,
beeindruckt ihn wenig. Die sei bloß Theoretikerin gewesen, tatsächlich
aber wollten die Frauen die Männer besitzen; und außerdem, so fügt er
hinzu, mache "das Kinderkriegen" die Frauen zu "Propertariern". "Ich
glaube", wird ihm nicht weniger biologistisch entgegengehalten, "Männer
müssen erst lernen, Anarchisten zu sein. Frauen brauchen das nicht
lernen."


Doch wollte Le Guin mit den Habenichtsen und ihrem
Planeten weder ideale Menschen schildern, noch eine ideale
Gesellschaft. Zu deutlich zeichnet sie die Schwächen und Mängel beider.
Nicht nur die Urrasti, auch viele der Menschen auf Anarres sind hab-
und machtgierig, intrigant und Karrieristen, obwohl es dort offiziell
weder eine Hierarchie noch Eigentum gibt. Doch dafür werden die
Anarresti gelegentlich "gezwungen, auf eigenen Wunsch für einige Zeit
wegzugehen", weil die Gesellschaft sie andernorts braucht - oder auch,
weil sie einem Mächtigeren im Weg sind. "Ein Paar, das eine
Partnerschaft einging, tat dies in voller Kenntnis der Tatsache, dass
es jederzeit durch die Erfordernisse der Arbeitsteilung getrennt werden
konnte." Es gibt Zwangsarbeit, und Dissidenten werden schon mal zur
"Therapie" auf einsame Inseln verbracht, und schon im ersten Teil des
Romans stellt Shevek resignierend fest, "dass man für niemanden etwas
tun kann. Wir können uns nicht gegenseitig retten. Nicht mal uns
selber."



























Ursula K. LeGuin: Die linke Hand der Dunkelheit.
Wilhelm Heyne Verlag, München 1999.
346 Seiten, 8,60 EUR.
ISBN 3453164156





Ursula K. LeGuin: Planet der Habenichtse.
Argument Verlag, Hamburg 1999.
464 Seiten, 12,70 EUR.
ISBN 3886199436




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