g8: (Dokumentation)-> Der „Schwarze Block“
Ein medienstarkes Phänomen zwischen Traditionsverband und fliegendem Suizidkommando ----------------------- Horst Stowasser in Graswurzelrevolution ----------------------- (18.06.2007) Gestern früh habe ich in der Warteschlange vor der Supermarktkasse schnell einen Blick in die Bild-Zeitung geworfen, um endlich einmal zu erfahren, was der Schwarze Block ist: ...
... Ein Handynetzwerk blutjunger Hooligans. Aha. Es hat keine 50 Sekunden gedauert, den ganzen Artikel zu lesen.
Wenig später sitze ich mit meinem Sohn beim Frühstück in einem
Gartenlokal. Er hatte gerade per Handy die neuesten Nachrichten von
seinem Kumpel Kai aus Heiligendamm bekommen. Kai ist zwanzig, macht
beim AnArchiv mit und sitzt gerade am Sicherheitszaun fest:
Sitzblockade und nichts zu essen… Am Tag zuvor, so berichtet Kai völlig
konsterniert, stand er gerade in bester Proteststimmung mitten im
bunten Gewimmel eines unglaublich riesigen, phantasievollen und
gewaltfreien Demonstrationszuges, als sich urplötzlich, schwuppdiwupp,
eine Kohorte von mehreren hundert schwarzgewandeten Kampfkadern an der
Spitze aufbaute, einige Parolen von sich gab, und in perfekt eingeübter
Routine begann, das Pflaster aufzubrechen.
Ein Stoßtrupp des „Schwarzen Blocks” in einer manöverreifen Vorführung!
Eine erste Salve von Steinen schoss durch die Luft, und reflexartig
begann der Gegenangriff der ebenfalls vermummten Polizeistoßtrupps.
Nach kurzem und heftigem Schlagabtausch traten die Kämpfer des
Schwarzen Blocks in bestaunenswert disziplinierter Form den taktischen
Rückzug an und mischten sich unter die Demonstrantinnen und
Demonstranten – nicht wenige, nachdem sie geschwind ihr Outfit
gewechselt hatten und nunmehr als nette, bunte Demonstranten wieder
auftauchten: Noch bevor den DemonstrantInnen so recht klar wurde wie
ihnen geschah, war die Kacke auch schon am dampfen…
Erregt unterhalten wir uns über die Sinnhaftigkeit solcher Aktionen.
Automatisch schießt mir das Bild der selbsternannten Kampfschwadrone
vom „Fliegenden Suizidkommando“ aus Monty Pythons „Leben des Brian“ ins
Hirn. Mein Sohn findet es unmöglich, andere so zu instrumentalisieren
und will wissen, was das mit Anarchie zu tun habe. Der Mittfünfziger am
Nebentisch faltet seine „Bild“ zusammen und mischt sich ins Gespräch:
Er könne das alles nicht mehr begreifen und denke mittlerweile ans
Auswandern in ein Land, in dem nicht alles so bescheuert sei.
Am Nachmittag ruft Genosse Drücke an und schildert mir seine frischen
Eindrücke aus Heiligendamm. Er bestärkt meine Assoziation vom
„Fliegenden Suizidkommando“ noch – durch eine ganz andere Spielart von
„Schwarzem Block“:
Auch die Polizei, so Bernd, schicke jetzt schwarz vermummte Stoßtrupps
rücksichtslos in die Reihen friedlicher DemonstrantInnen, wo die
ebenfalls oft blutjungen Polizisten mit voller Brutalität drauflos
prügelten, Leute herausgriffen, Gegengewalt provozierten. Was läuft da
eigentlich ab, frage ich mich. Eine Art kampfsportliches Kräftemessen
nach militärischen Ritualen? Ein Schaukampf zwischen linksradikalen und
staatlichen Avantgardekämpfern um die Lufthoheit im
TV-Nachrichtenmarkt…?
Während ich noch darüber sinniere, ruft der Südwestfunk an und will ein
Interview. Der Moderator würde gerne wissen, ob die Autonomen
Anarchisten seien, und ob man sich unter Anarchie das vorzustellen
habe, was der Schwarze Block gerade vorführt.
Interessante Frage.
Vom Zorn...
Nun bilde ich mir ja nicht ein, ein Interpretationsmonopol in Sachen
Anarchie zu besitzen und schon gar nicht, was die Autonomen betrifft,
mit denen ich nie was am Hut hatte. Trotzdem stelle ich mich den Fragen
und beantworte sie so gut ich eben kann.* Aber erst nach dem Gespräch
kommt die Reflexion über das, was gestern an der Supermarktkasse begann
und heute bei SWR 2 endete, so richtig in Gang.
Was ist der Schwarze Block? Eine Organisation? Ein Fun-Event für
wütende Protest-Kids, die den ultimativen Kick suchen? Eine linke
Wehrsportgruppe? Nein – vor allem ist er ein Mythos, der wie eine
Wanderstafette von einer Generation zur nächsten weitergegeben wird.
Ein Selbstläufer, der viel zu medienwirksam ist, als dass er in einer
Mediengesellschaft jemals sterben dürfte.
Der Begriff tauchte vor über 20 Jahren im Umfeld von Startbahn West und
Hafenstraße auf, verdichtete sich in Kreuzberg zu einer kalendarisch
fixierbaren Dauerveranstaltung und ist inzwischen ein internationales
Phänomen. Gespeist wurde er zunächst vom (überaus berechtigten) Zorn
sowie dem (überaus frustrierenden) Gefühl der Ohnmacht einer Protest-
und Widerstandsbewegung gegenüber der Brutalität der Staatsmacht.
Getragen wurde der Schwarze Block seinerzeit von einer Melange aus
militanten Anarchos und Autonomen, und viele fanden diese Form, sich zu
wehren, legitim. Auch ich. Und deshalb war ich gelegentlich auch genau
dort zu finden. Bis mir die Beschränktheit des Ganzen aufging. Und zwar
nicht erst, nachdem sich jener unsägliche Kampfheldenkult breit zu
machen begann und in Frankfurt der erste Polizist erschossen wurde.
Das war zwar ein erschreckender Anlass, die militaristische
Degenerierung des Ganzen zu erkennen und ein guter Grund, sich von
solcher Art Gewalt abzuwenden. Aber die tieferen Gründe sind weitaus
schlimmer:
Eine politische Bewegung, die sich auf das militärische Niveau ihrer
Gegner begibt, kann nicht anarchistisch sein. Eine politische Kultur,
deren Selbstzweck sich in militantem Protest erschöpft, muss
gesellschaftlich steril bleiben.
Eine Szene, die sich in ihrer eigenen Beschränktheit abkapselt,
verblödet irgendwann in der Liturgie ihrer militanten Rituale. All das
wird auf Dauer einfach nur langweilig. Und genau dort dümpelte dann
auch diese Szene um den Schwarzen Block – als überwiegend deutsches
Phänomen – schließlich vor sich hin: als jederzeit kurzfristig
mobilisierbares Reserveheer im linksautonomen Ghetto.
Bis 1999 mit der „Battle of Seattle“ das Phänomen des Schwarzen Block
in einer Art Urknall plötzlich zu einem internationalen Begriff wurde.
Die Medien waren entzückt und hatten fortan eine griffige optische
Markenikone – samt passendem Outfit, Szenesprache und
Straßenchoreographie. Hinter dem gefälligen Medienspektakel steckte
indes ein neuer Kopf mit neuen Ideen: John Zerzan, der mit seiner
Handvoll Junganarchos aus Portland, Oregon, in Seattle das zelebrierte,
was er in seinen überaus klugen Essays eines neuen Anarcho-Primitivism
entwickelte: Eine ethisch wohl begründete, technologie- und
globalisierungsfeindliche Gesellschaftskritik, deren Stärke in der
Analyse archaischer Agrargesellschaften liegt und deren Schwäche in der
völlig fehlenden Perspektive eines gangbaren Weges zu einer libertären
Gesellschaft. Seine Botschaft reduziert sich auf den militanten
Frontalangriff: zerschlagen ja, aufbauen nein!
Konsequenterweise ist er ein offener Bewunderer des als „Unabomber“
bekannt gewordenen Mathematikprofessors Theodore Kaczynski. Zerzans
Thesen erinnern frappant an die brillante Verteidigungsrede Émile
Henrys, der vor seiner Guillotinierung 1894 in ergreifenden Worten
seinen Hass auf die Gesellschaft zu schildern verstand. Und damit jene
Bombe rechtfertigen wollte, die er in ein vollbesetztes Pariser Café
geschleudert hatte.
...und von der Freiheit
Ich vermute, dass auch jene gegen den Gipfel demonstrierenden Menschen,
die sich in einem Rostocker Café panisch vor den Glassplittern des
Schaufensters zu schützen versuchten, welches sich der Schwarze Block
zum Angriffsziel erkoren hatte, noch nie etwas von Émile Henry gehört
haben.
Genau so, wie die meisten jener jungen Antifas, Autonomen und
Anarchopunks wohl kaum je etwas von John Zerzan gehört haben dürften,
die – voll von verständlicher Wut gegen dieses wahrhaft verbrecherische
System – in Heiligendamm den militärischen Rammbock spielen. Und
welchem jungen Autonomen ist wohl heute noch die eher
bieder-theoretische Zeitschrift „Autonomie“ bekannt, mit der weiland
alles begann…?
Nein, der Schwarze Block ist weder eine Organisation, noch eine
Bewegung noch eine Idee. Er ist ein medienstarkes Phänomen mit einem
Mythos, der von Generation zu Generation tradiert wird und ganz
besonders immer wieder junge Menschen anspricht. Menschen, die in ihm
ein Ventil für ihre Wut finden und in der Medienpräsenz eine Art
Trophäe. Insofern ist er zu einer Tradition geworden, die es zu pflegen
gilt, wobei immer wieder mal gerne auch mit anarchistischen Symbolen
kokettiert wird. Eine Tradition, schwach an Inhalten und stark in ihren
Formen, die vom internationalen Traditionspflegeverband „Schwarzer
Block“ von Match zu Match wie ein Wanderpokal weitergereicht wird.
„Am Anfang war der Zorn…“ Es ist kein Zufall, dass mein letztes Buch**
mit genau diesen Worten beginnt; ich habe sehr lange darüber
nachgedacht.
In der Tat scheint mir die Schicksalsfrage des Anarchismus mehr denn je
daran gekoppelt, ob es ihm gelingen wird, destruktiven Zorn in kreative
Kraft, blinde Wut in subversive Energie, geistreiche Kritik in positive
Utopie zu verwandeln. Man mag Verständnis für die Gründe aufbringen,
die die Menschen im Schwarzen Block bewegen. Einer libertären
Gesellschaft bringt uns all das, was er auf den Straßen veranstaltet,
aber wohl keinen Schritt näher. „In Seattle, Göteborg, Genua und
Rostock“, schreibt Andrian Kreye in der Süddeutschen Zeitung, „zählte
die Praxis des Straßenkampfes und nicht die Denkschulen des
Anarchismus.“
Horst Stowasser
* Link zum Interview:
** Das Buch Anarchie! Idee - Geschichte - Perspektiven (511 S., Edition
Nautilus) wird auf den Libertären Buchseiten in der Oktoberausgabe der
GWR vorgestellt. Derzeit steht der Titel auf Platz 1 der
“Sachbuchbestenliste”, die gemeinsam vom Börsenblatt des Deutschen
Buchhandels, dem Buchjournal, der Süddeutschen Zeitung und dem NDR
erstellt wird.
Veranstaltungshinweis:
Samstag, den 1. September 2007, 10 Uhr, 35 Jahre
Graswurzelrevolution-Fest, Bahnhofstr. 6, Könnern (bei Halle/Saale):
Totgesagte leben länger!
Infoblock und Workshop zum Projekt A
Was sollte das Projekt A sein, was war es und was ist daraus geworden? Und vor allem: Was hat das hier und heute mit uns zu tun?
Die erste Frage wird Horst Stowasser, Autor des Buches „Das Projekt A“
im ersten Teil mit einer Mischung aus Lesung und Plauderei zu
beantworten versuchen. Die Antwort auf die zweite Frage sollte im
zweiten Teil in Form eines Workshops zwischen allen Anwesenden
gemeinsam erarbeitet werden.
Artikel aus: Graswurzelrevolution Nr. 320, Monatszeitung für eine
gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft, 36. Jahrgang,
www.graswurzel.net

