Auswertung Heiligendamm - EA / Legal Team
Am Montag hat der EA/Legal Team in Rostock seine Arbeit beendet. Hier eine Zusammenfassung der vergangenen anderthalb Wochen aus der Sicht des EA/Legal Team.
Die Zusammenarbeit zwischen Aktivist_innen und EA/Legal Team hat gut
geklappt. Wir haben rund 1100 Fest- und Gewahrsamnahmen aufgenommen,
was sich fast mit der offiziellen Zahl der Cops von 1057 deckt. Wir
gehen also davon aus, das uns der überwiegende Teil der Fest – und
Gewahrsamnahmen gemeldet wurde. Ihr habt gut aufeinander aufgepasst!
Auch die Abholdienste von den Gesas und JVAs haben gut geklappt.1100
hört sich jetzt erstmal viel an, ist aber weniger, als wir angesichts
der Drohungen und Aktivitäten der Cops im Vorfeld erwartet hatten.
Lasst Euch von dieser Zahl nicht entmutigen, sondern freut Euch über
eine erfolgreiche Widerstandswoche.
Hier eine Sammlung von Ereignissen, die uns während unserer Arbeit besonders aufgefallen sind:
Die
Demo am Migrationstag wurde ständig behindert und kam in 2 Stunden nur
200 Meter weit. Begründet wurde die Verzögerung mit fadenscheinigen
Gründen.
Bei fast allen Aktionen wurden immer wieder einzelne
Personen scheinbar grundlos raus gegriffen. Greiftrupps sind mit
Fotoabzügen herum gelaufen und haben Leute gesucht. So wurden z.B.
Leute brutal festgenommen, mit Bilder verglichen und dann wieder gehen
gelassen, weil sie der Person auf dem Bild nicht ähnelte.
Bei einer Sitzblockade ging ein Cop einmal entlang und sprühte aus nächster Nähe der ersten Reihe eine Ladung Gas ins Gesicht.
Die
Durchführung der Festnahmen war insgesamt sehr brutal. Legal Team bzw.
Sanis hatten keine Chance an die Festgenommenen ran zukommen. So wurden
z.B. Pfefferspray eingesetzt, obwohl die Leute schon durch Schläge mit
Schlagstöcken verletzt waren, ein anderer Festgenommener wurde mit
seinem T- Shirt, das ihm über den Kopf gezogen wurde, gewürgt.
Es
gab mindestens 3 schwere Augenverletzungen durch Wasserwerfer Einsätze
in der Nähe des Zaunes. Obwohl Rettungswagen der Polizei anwesend
waren, mussten die Verletzten eine halbe Stunde auf einen zivilen
Rettungswagen warten, weil Augenverletzungen nicht lebensbedrohend
seien. Einer hatte anschließend eine getrübte Linse, eine andere Person
hat aus dem Auge geblutet.
Cops sind auf das Camp Rostock gegangen
und wollten dieses durchsuchen. Erst nachdem AnwältInnen da waren, die
nach dem Durchsuchungsbeschluss fragten, mussten die Cops eingestehen,
dass sie einen solchen zwar beantragt haben, es aber keine
Rechtsgrundlage für eine solche Maßnahme gab. Sie sind dann wieder
abgezogen.
Im Anschluss daran gab es Kontrollen an der nahen S- Bahn
Station, bei denen Frauen in den Schritt gefasst wurde, dabei wurden
anzügliche Geräusche gemacht. Auch nahe dem Camp Wichmannsdorf gab es
solche sexistische Übergriffe der Cops. Eine Gruppe von Frauen musste
sich am Dienstag (5.6.) auf einem Parkplatz vor allen anwesenden Cops
ausziehen.
Festnahmegründe waren meist konstruiert bzw.
vorgeschoben. So wurden z.B. Menschen die lediglich ein Halstuch oder
eine Sonnenbrille im Rucksack hatten, wegen Vermummung in Gewahrsam
genommen. Zeitgleich konnten aber hunderte andere mit Halstuch und
Sonnenbrille die Sperren ungehindert passieren. Andere Festnahmegründe
waren z.B. Salatöl im PKW mit sich zu führen oder Fahrrad zu fahren.
Ein
Demonstrant wurde von den Cops verletzt, im Krankenwagen ins
Krankenhaus gebracht, am nächsten Morgen um fünf Uhr wieder abgeholt
und in Gewahrsam genommen.
Sanis und ein Arzt wurden festgenommen
und konnten deshalb nicht zu den Verletzten. Außerdem haben die Cops
auch auf der Straße versucht die Presse zu zensieren. So wurden bei
mindestens einem Reporter, der sich mit Presseausweis auswies,
unliebsame Fotos gelöscht.
Außerdem wurde ein Reporter mit dem
Vorwurf der passiv Bewaffnung und Landfriedensbruch in Gewahrsam
genommen. Hintergrund war, dass er wie viele andere seiner Kollegen
einen Helm trug. Ein anderer Reporter wurde bei einem Wasserwerfer
Einsatz verletzt.
Auch vollkommen Unbeteiligte waren Opfer der
Repression. So wurde z.B. eine Frau aus dem Ausland, die nicht mal
wusste, dass gerade G8-Gipfel in der Region ist, von den Cops beim
Trampen aufgegriffen und in Gewahrsam genommen.
Auch durch die lang
andauernden Kontrollen wurden Aktionen behindert. Ein Bus mit Menschen
aus Griechenland und Italien ist am Mittwoch (6.6.) auf dem Weg nach
Rostock/ Laage aufgehalten worden. Alle Leute aus dem Bus wurden in
einem Gefangenenbus in der Gegend herum gefahren bis die Demo vorbei
war. Anschließend wurden sie wieder zu ihrem Bus gebracht und durften
weiter fahren.
Den Clowns wurde insgesamt ziemlich übel
mitgespielt. Sie mussten vor den Augen der Polizei Wasser aus ihren
Spritzpistolen trinken, weil angeblich Säure drin war. Bei einer ARD
Fernsehveranstaltung wurde ein Clown der mit erhobenen Händen auf der 2
Meter hohen Bühne stand und Quatsch machte von einem Cop von der Bühne
gestoßen und ist auf einen Metallzaun gefallen.
Andere Personen, die
einer Blockade Wasserflaschen bringen wollten, wurden vom USK gezwungen
die 40 Flaschen Wasser die sie dabei hatten anzutrinken, um damit zu
beweisen, dass es sich wirklich um Wasser handelt.
Leute, die am
Freitag in der Nähe des offiziellen Mediencenters in Kühlungsborn nackt
baden waren, sind von Zivicops in Badehosen aus dem Meer gezogen worden.
Die
Cops haben massenhaft Platzverweise ausgesprochen. Die meisten dürften
rechtswidrig gewesen sein. Z.T. waren sie für viel zu große Gebiete
oder einen zu langen Zeitraum ausgesprochen oder überhaupt nicht näher
bestimmt. Einem Anwohner wurde z.B. ein Platzverweis für den eigenen
Wohnort erteilt. Leider haben sich viele Leute von den
Einschüchterungsversuchen der Cops beeindrucken lassen und sich
tatsächlich überlegt, sich nicht mehr in dem Gebiet um Heiligendamm zu
bewegen oder gleich nach Hause zu fahren. Das ist sehr schade.
Gewahrsamsgründe gab es so viele und sie wurden so willkürlich
zugeteilt, dass ein Verstoß gegen einen Platzverweis auch keine Rolle
mehr gespielt hätte.
Insgesamt haben sich die Cops bei
Aktionen, Kundgebungen und Demos sehr provokativ verhalten. Es gab
häufig Situationen (wie z.B. bei der überaus friedlichen und bunten
Abschlusskundgebung), bei denen plötzlich Einheiten grundlos behelmt in
die Menge gestürmt sind, da dann herum standen, vereinzelt Leute
rauszogen, um dann wieder abzuziehen.
Arbeitsbehinderungen des EA/Legal Teams und der Rechtsanwält_innen (RAs)
Es
war die ganze Zeit über so, dass die Arbeit der RAs stark behindert
wurde. Dies begann auf der Straße, wenn das Legal Team versuchte an
Festgenommene heran zu kommen, um den Namen zu erfahren, um sich später
gezielt nach der Person erkundigen zu können. Die Cops versuchten
bereits die erste Kontaktaufnahme zu verhindern. So wurde z.B. einer
Person der Mund zugehalten, damit sie den Namen nicht rufen konnte und
der RA wurde weg geschubst. In den ersten Tagen wurde gegenüber den RAs
z.T. behauptet, das sei verbotene Kontaktaufnahme zu den Gefangenen und
damit eine Ordnungswidrigkeit.
Es gab häufig gezielte
Desinformationen der RAs durch die Cops. In den Gesas wurde den Leuten
häufig gesagt, die RAs wären nicht da bzw. hätten keine Zeit, während
zeitgleich vor der Gesa an die 20 Anwält_innen standen, weil ihnen der
Zugang zu den Gefangenen verwehrt wurde. Anderen wurde gesagt, dass
Anwält_innen viel Geld kosten würden. Von solchen Lügen sollte mensch
sich nicht abschrecken lassen. Es gibt verschiedene Solitöpfe aus den
die Rechtshilfearbeit bei solch politische Aktionen getragen werden
kann. Anderen wurde gesagt, sie dürften nur Anwält_innen von der Liste
der Polizei nehmen, aber nicht die vom Legal Team. Zugleich wurde den
RAs gesagt, die Leute wollen keinen Rechtsanwalt_innen. Das führte u.a.
dazu, dass Leute ohne RAs zur richterlichen Anhörung mussten. Einige
der Richter haben diese Linie weiter verfolgt und ohne Rechtsbeistand
verhandelt, andere ließen die Menschen in der Situation nrufen. So kam
es, dass RAs des Legal Teams auf dem Flur des Gerichtes Leute gefunden
haben, die gerade dem Richter vorgeführt werden sollten. Obwohl die RAs
schon vor über einem Jahr Räume für Anwält_innengespräche in der Gesa
gefordert haben, standen solche Räume zeitweise nicht zur Verfügung.
Die Situation in den Gesas veränderte sich ähnlich wie auf der Straße.
Es gab Zeiten, in denen plötzlich ein Raum zur Verfügung stand, dann
wurde wieder jede Kooperation aufgekündigt und einigen RAs wurde ein
Hausverbot für eine Gesa ausgesprochen oder sie wurden gar nicht rein
gelassen.
Staatsterror drinnen
Die
Haftbedingungen müssen insgesamt als sehr brutal und menschenunwürdig
beschrieben werden: So hatten Leuten in den Gefangenensammelstellen
z.T. sehr lange mit Kabelbindern die Hände gefesselt. Bei Einigen
wurden diese auch beim Toilettengang bzw. Schlafen nicht abgenommen.
Einige Gefangene mussten sich bei der Durchsuchung vollständig
ausziehen und wurden in mindestens einem Fall nackt fotografiert. Den
Gefangenen wurden z.T. Brillen und Schuhe in der Gesa abgenommen. Einer
Frau, die menstruierte, wurden Tampons verweigert. Anderen Leuten
wurden Medikamente verweigert, so wurde z.B. einer Person das Asthma
Spray abgenommen. Einer Anderen, deren Hände gefesselt waren und die
starken Heuschnupfen hatte, wurde ärztliche Hilfe verweigert. Einer
Frau, die bewusstlos wurde, wurde erst nach 3 Stunden der Kontakt zu
einem Arzt gewährt.
Die Gefangenen wurden in ca. 5,5 x 5,5 Meter
großen Käfigen aus Drahtgitter, die nach allen 4 Seiten offen einsehbar
waren, untergebracht. Die Gitter waren nicht entgratet, deshalb gab es
Schnittverletzungen an den Händen. Als Decke war ein Netz gespannt. In
dem Raum gab es eine Galerie, von der aus in die Käfige gefilmt wurde
und die Gefangenen ständig beobachtet wurden. Außerdem war in der Halle
ununterbrochen Neonlicht und sehr laute Lüftungspropeller und damit
starke Zugluft. Die Gefangenen hatten anfangs keine Decken und keine
Unterlage auf dem Boden. Es gab keine Waschmöglichkeit und die
Gefangenen waren bis zu neun Stunden ohne Wasser. 
Andere
Leute wurden 1,5 Stunden in einem Gefangenenbus in der prallen Sonne
ohne Getränke stehen gelassen. Eine Frau vom Roten Kreuz die den
Gefangenen Wasser geben wollte, wurde daran von den Cops
gehindert.Viele der Festgenommenen durften nicht mal vor einer
Haftprüfung RAs anrufen, andere erst sehr verspätet (nach 15 Stunden).
Leute wurden bewusst belogen bezüglich der Dauer der Ingewahrsamnahme.
So wurde z.B. angedroht, dass sie mehrere Tage bleiben müssten und
kamen dann nach wenigen Stunden wieder raus. Die Haftdauer war sehr
unterschiedlich. Unserer Einschätzung nach sind verhältnismäßig wenige
Menschen für mehrere Tage in Unterbindungsgewahrsam genommen worden.
Z.T. wurde es zwar angeordnet, die Leute wurden aber trotzdem früher
wieder entlassen oder die Anordnung des Gewahrsams wurde richterlich
aufgehoben. Der Großteil wurde zwischen 6 und 15 Stunden
festgehalten.In einigen Fällen gab es zwar einen richterlichen
Beschluss, dass die Ingewahrsamnahme nicht fortgeführt werden darf, sie
wurden trotzdem erst lange (z.B. 7 Stunden) nach dieser Feststellung
wieder raus gelassen.
Insgesamt gab es am Dienstag und Mittwoch 8
Schnellverfahren. Die Urteile gingen von 6 Monaten Haft auf Bewährung
bis 10 Monate ohne Bewährung. Lest dazu bitte die Berichte die es schon
gab.
Statt Dolmetscher_innen in der jeweils gebrauchten
Sprache gab es Dolmetscher_innen für Englisch, bei richterlichen
Anhörungen gab es z.T. gar keine Übersetzung.
Cops haben z.T. Asservaten nach der Freilassung behalten, z.B. Geld, ein Rollator, Schlüssel Perso und Fahrzeugschein. 
Solidarität
ist zwar eine Waffe, kostet aber leider auch manchmal Geld! Es gibt
jetzt schon einige Verfahren im Zusammenhang mit Heiligendamm und es
werden wohl auch noch ein paar dazukommen, deswegen spendet zahlreich
auf folgendes Konto:
Schwarz-Rote-Hilfe Münster e.V.
Konto Nr. 282 052 468
BLZ 440 100 46
Postbank Dortmund
Stichwort: Gipfel-EA 2007
IBAN: DE02 4401 0046 0282 0524 68
BIC: PBNKDEFF
G8-EA/Legal Team ist noch erreichbarbis zum 24.6. läuft unter der bekannten Nummer 038204 – 768111 ein Anrufbeantworter, der regelmäßig abgehört wird.
Gedächtnisprotokolle
bitte nicht mailen oder faxen, sondern beim EA vor Ort abgeben. Falls
das nicht möglich ist, könnt ihr sie an folgende Adresse schicken,
müsst aber bedenken, dass die Cops vermutlich mitlesen.
EA Hamburg
c/o Schwarzmarkt
Kleiner Schäferkamp 46
20357 Hamburg
Damit wir nicht ein halbes Jahr nach der
jeweiligen Aktion immer noch am Telefon hängen: Denkt dran euch beim EA
zumelden, wenn ihr aus dem Knast wieder raus seid!
Alles weitere auf unserer Homepage
http://www.ermittlungsausschuss.eu