Anarchismus – Gar nicht so radikal: „Keine Macht für niemand!“
…so lautet eine der bekanntesten Parolen des Anarchismus. Der Anarchismus ist eine Idee, die aufgrund ihrer vermeintlichen Radikalität unter Jugendlichen wieder verstärkt Anklang findet. Aber was steckt hinter der anarchistischen Weltanschauung? Anarchie ist griechisch und heißt Herrschaftslosigkeit. Dies ist nicht gleichzusetzen mit der oft chaotischen Vorangehensweise der Autonomen und AnarchistInnen auf Demos. Im Gegenteil: Anarchismus hat wie Sozialismus und Kommunismus eine klassenlose Gesellschaft ohne Unterdrückung, soziale Unterschiede, gesellschaftliche Zwänge oder bürgerliche Normen zum Ziel. Doch der Unterschied ist der Weg, zu diesem Ziel zu gelangen.
Propaganda der Tat
Das zentrale Mittel ist die „Propaganda der Tat“. Hier wird individuelles „Heldentum“ über eine kollektive und demokratische Organisierung und Aktivität von ArbeiterInnen und Jugendlichen gestellt. Durch Handlungen von Einzelnen sollen Ungerechtigkeiten aufgezeigt werden. Die die Rote Armee Fraktion (RAF) – wenn auch im Selbstverständnis nicht anarchistisch, aber durchaus von selbigen bewundert – zeigt, ist die Konsequenz oft Gewalt gegen Objekte und Menschen, die aber am System kein bisschen ändert.
Frage der Organisation
Hier zeigt sich der große Unterschied: Bei der Russischen Revolution 1917 ist deutlich geworden, dass wütende Massen nicht genügen und es einer revolutionären, organisierten Kraft mit einem klaren Programm und demokratischen Strukturen bedarf. AnarchistInnen lehnen das ab, sie betrachten Parteien als an sich undemokratische, autoritäre Gebilde. Sie setzen auf eine „offene und flexible Organisation“. In der Praxis führt dieser „Pluralismus“ zu jeder Menge Problemen – und autoritären Entscheidungen. Entschieden wird nämlich von jenen, die am längsten in Plenas sitzen können (berufstätige Alleinerzieherinnen sind das in der Regel z.B. nicht). JedeR setzt individuell irgendwas um (oder auch nichts), es gibt kein gemeinsames Auftreten. Genauso sehen AnarchistInnen auch Regierungen und Staaten: Sie betrachten sie nicht als den Ausfluss der jeweiligen wirtschaftlichen Machtverhältnisse, sondern als das Übel schlechthin. Während SozialistInnen die bürgerliche Regierung und den bürgerlichen Staatsapparat stürzen und durch eine ArbeiterInnenregierung und einen ArbeiterInnenstaat (also Demokratie in Gesellschaft UND Wirtschaft) ersetzen wollen, propagieren AnarchistInnen bloß, jegliche Staatsform müsse weg. Doch einen Plan zur Bewältigung dieser Aufgabe können sie nicht aufweisen.
Das Bewusstsein bestimmt das Sein?
Der russische Anarchist Berkman sagt: „Wenn Dein Ziel ist die Freiheit zu sichern, so musst Du lernen ohne Autorität und Zwang zu leben.“ Dabei wird aber ignoriert, dass auch links denkende Menschen im Kapitalismus unter materieller Abhängigkeit existieren und ihren Lebensstil nicht frei bestimmen. Hier wird die Arroganz der AnarchistInnen deutlich: Sich einfach ausklinken – für Menschen ohne Vermögen, aber mit Familie, vielleicht noch krank geht das nicht. Im Gegensatz dazu wollen MarxistInnen den Kapitalismus stürzen um die Grundlage für einen neuen, menschlicheren Menschen zu schaffen.
Radikal – oder einfach nur zukunftslos?
Anarchismus gibt sich als die radikalere Alternative zum Sozialismus aus. Doch was bewirkst Du, wenn Du auf einer Demo vermummt Steine auf PolizistInnen wirfst und dich bewusst von jeglichen organisierten Strukturen fernhältst? In Wahrheit ist Anarchismus keine Idee mit Zukunft, sondern bloß eine arrogante Einstellung einer abgehobenen Minderheit, die es sich leisten kann, ein „survival of the fittest“ ohne Regeln und Rechte auszuführen.
Siehe auch:
Alexander Berkman: Das ABC des Anarchismus
Paul Mattick: Bolschewismus und Stalinismus. Über den Mythos von Trotzki, dem „besseren“ Stalin. Heft Nr. 7 der Anarchosyndikalistischen Flugschriftenreihe
Mal wieder: Trotzkisten hetzen und lügen über Anarchismus
In der ewigen Bestenliste der dümmsten und am meisten hasserfüllten trotzkistischen Hetz-Artikel gegen den Anarchismus hat sich Simon Nagy einen der ersten Plätze gesichert. In der aktuellen Ausgabe des „Vorwärts“, der Zeitung der österreichischen Sozialistischen Links Partei (SLP – deutsche Schwesterpartei ist übrigens die SAV) findet sich sein Artikel „Anarchismus – Gar nicht so radikal“.
Darin stellt er einen wilden Mix an Dummheiten, Falschheiten, Halbwahrheiten und seinem Anarchistenhass zusammen, der selbst konservative bürgerliche Lohnschreiber noch in den Schatten stellt.
Es ist müßig Auszüge aus dem Artikel hier wiederzugeben. Man weiß nicht, wo man damit anfangen soll. Fast alles ist einfach falsch. Doch auf drei Punkte soll an dieser Stelle eingegangen werden.
Simon Nagy schreibt: „Das zentrale Mittel ist die „Propaganda der Tat“. Hier wird individuelles „Heldentum“ über eine kollektive und demokratische Organisierung und Aktivität von ArbeiterInnen und Jugendlichen gestellt. Durch Handlungen von Einzelnen sollen Ungerechtigkeiten aufgezeigt werden.“
Anstatt Alexander Berkman aus dem Zusammenhang gerissen zu zitieren, sollte Simon Nagy sich mit seinem Grundlagenwerk „ABC des Anarchismus“ beschäftigen.
Die Propaganda der Tat hatte ihre Berechtigung in einer historischen Phase des sozialen Kampfes, als Staaten und Polizisten zahlreiche klassenkämpferische und revolutionäre Arbeiter erschossen, um durch diesen Staatsterror die ArbeiterInnenbewegung einzuschüchtern und zu schwächen. Sie war eine direkte Antwort auf diesen Staatsterror, in dem sie die Verantwortlichen dieses Terrors zur Rechenschaft zog. Sie ist – und war – aber zu keiner Zeit das „zentrale Mittel“. „Zentrale Mittel“ – um im Sprachgebrauch von Nagy zu bleiben, waren immer (und sind das bis heute): Selbstorganisation, Solidarität und direkte Aktion.
Nagy schreibt: „Während SozialistInnen die bürgerliche Regierung und den bürgerlichen Staatsapparat stürzen und durch eine ArbeiterInnenregierung und einen ArbeiterInnenstaat (also Demokratie in Gesellschaft UND Wirtschaft) ersetzen wollen, propagieren AnarchistInnen bloß, jegliche Staatsform müsse weg. Doch einen Plan zur Bewältigung dieser Aufgabe können sie nicht aufweisen.“
Im Anarchismus finden sich viele verschiedene Vorstellungen und Strategien wieder. Die einflussreichsten waren allerdings immer die organisierten. Darunter besonders die anarcho-syndikalistische ArbeiterInnenbewegung, der zu Höchstzeiten Millionen von ArbeiterInnen weltweit angehörten und die auch heute wieder im weltweiten Anwachsen begriffen ist. Die Alternative zum Privatkapitalismus ist nicht wie bei den Trotzkisten der Staatskapitalismus, sondern eine freie, sozialistische Gesellschaft, in der die ProduzentInnen und KonsumentInnen die gesellschaftlichen Belange selbstorganisiert und selbstverwaltet organisieren. Ein Konzept, das sogar unter den revolutionären- und Kriegsbedingungen in Spanien 1936 funktioniert hat. Alles Leute „ohne Plan“, wie Nagy meint?
Ein weiteres albernes „Argument“ findet sich in diesem Satz: „[Es] wird aber ignoriert, dass auch links denkende Menschen im Kapitalismus unter materieller Abhängigkeit existieren und ihren Lebensstil nicht frei bestimmen. Hier wird die Arroganz der AnarchistInnen deutlich: Sich einfach ausklinken – für Menschen ohne Vermögen, aber mit Familie, vielleicht noch krank geht das nicht.“
Vielleicht hat der Autor noch nie lebende AnarchistInnen getroffen. Ansonsten würde er einen solchen Unsinn sicherlich nicht von sich geben. Neben einer unbestreitbar vorhandenen, geringen Anzahl von „aussteigenden“ GenossInnen finden sich AnarchistInnen und AnarchosyndikalistInnen in den sozialen Kämpfen der arbeitenden Klasse wieder. Schließlich sind viele von uns Lohnabhängige oder Erwerbslose. Und sowohl in Betrieben als auch im Kampf gegen Sozialabbau sind wir anzutreffen. Vielerorts initiieren AnarchistInnen sogar Initiativen zusammen mit Menschen, die von denselben Auswirkungen betroffen sind, um diese zu verbessern. Das Argument, Anarchisten würden sich „einfach ausklinken“ ist einfach vollendeter Schwachsinn.
Der Abschuss im Artikel ist aber die Unterstellung, der Anarchismus würde ein „Survival of the fittest“ bedeuten und propagieren und sei weiterhin eine „arrogante Einstellung“. Ein „Survival of the fittest“ ist genau das, was der Kapitalismus tagtäglich darstellt und produziert. Die Auslese, Unterdrückung und Entwürdigung im Interesse der Reichen und Einflussreichen durch die millionenfache Ausbeutung. Also genau das, was AnarchistInnen seit jeher bekämpfen und überwinden wollen. Eine Darstellung der vielfältigen, auch von AnarchistInnen initiierten Solidaritätsnetzwerke und Genossenschaften als konkrete Antworten auf dieses „Survival of the fittest“ würde an dieser Stelle zu weit führen.
Was hinter all dieser dümmlichen Hetze steckt ist offensichtlich. Der Anarchismus gewinnt neues Terrain unter Schülerinnen und Schülern, unter der Jugend. Und dieses Interesse am Anarchismus kommt den trotzkistischen Parteikadern in die Quere. Denn deren Strategie zielt seit Jahrzehnten auf Jugendliche, und speziell Schülerinnen und Schüler ab, die sie für ihre Organisationen gewinnen wollen. Angeekelt von der aufgezwungenen, falschen Parteidisziplin und dem Zwang Flugblätter zu verteilen, Plakate zu kleben und Zeitungen zu verkaufen, sowie den oftmals dogmatischen Glaubenssätzen und der falschen Theorie der Trotzkisten, drehen viele dieser einstmals enthusiastischen Jugendlichen den trotzkistischen Mini-Parteien dann oftmals schnell den Rücken zu.
Die Sozialistische Links Partei, die diesen Hetzartikel unkommentiert veröffentlicht hat (und sich damit zu eigen gemacht hat), darf gerne wissen, das sie uns damit sehr verärgert hat. Wir wissen, das der Anarchismus ein Dauerbrenner in trotzkistischen Gruppen und Organisationen ist. Doch Anstatt sich die theoretischen und praktischen Unterschiede und Standpunkte anzusehen, wird lieber gehetzt und gelogen.
Im Endeffekt stellt sich die SLP und Simon Nagy damit selber ein geistiges und politisches Armutszeugnis aus, das sie in die Tradition ihres politischen Übervaters, des Anarchisten- und Arbeitermörders Leo Trotzki stellt, der auch nie um Lügen gegen Anarchisten verlegen war und revolutionäre Arbeiterinnen und Arbeiter zu hunderten mit seiner Roten Armee abschlachten lies. Zumindest die SLP hat nichts dazu gelernt.