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Dokumentation: Prag-> Tausende gegen Naziaufmarsch

by Rudolf Mühland last modified 2007-11-14 16:43

Am 10. November 2007 wollten Neonazis in der tschechischen Hauptstadt Prag am Jahrestag der Novemberpogrome durch das dortige jüdische Viertel marschieren. Obwohl der Aufmarsch gerichtlich verboten worden war und die Polizei angekündigt hatte das Verbot durchzusetzen, versuchten etwa 400 von ihnen zu marschieren. Mehrere tausend Menschen protestierten gegen diesen Versuch, ein Teil von ihnen lieferte sich heftige Auseinandersetzungen mit den angereisten Neonazis.

Im Vorfeld....

Die wichtigste tschechische Naziorganisation, der „Narodni Odpor“ (Nationaler Widerstand) (Link) mobilisierte für den 10. November zu einem Aufmarsch durch das jüdische Viertel von Prag. Offiziell nutzten sie dafür den Namen Mladí Národní Demokraté (Junge Nationaldemokraten), wohl um ihre Herkunft aus dem verbotenen Blood and Honour Netzwerk zu verschleiern (Link).

Am 10. November gedenkt die jüdische Gemeinde in Prag alljährlich der Pogrome vom 9. November 1938. Angeblich richtete sich der Aufmarsch gegen den Einsatz tschechischer Soldaten im Irak. Tatsächlich zielte dieser Aufmarsch auf eine Beleidigung der Opfer des Naziterrors und wäre eine ungeheure Provokation gewesen.

Die Stadtverwaltung von Prag versuchte den Aufmarsch verhindern zu lasssen. Dies gelang ihr jedoch erst im dritten Anlauf. Die ersten beiden Verbote hatten vor den Gerichten keinen Bestand. Ein aus vielen deutschen Städten bekanntes Prozedere. Allerdings mit anderem Ausgang. In Prag wurde die Klage der Nazis gegen das Verbot abgewiesen während in der BRD derzeit das Gegenteil die Regel ist.

Sowohl bürgerliche als auch autonome Antifaschisten riefen zu Gegenprotesten auf. Die jüdische liberale Union forderte ausdrücklich junge Leute, Sportler und Soldaten zur Teilnahme auf. Nicht zuletzt deshalb wurden in der Frankfurter Rundschau gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Neonazis und Gegendemonstranten befürchtet (Link).

Die jüdische Gemeinde forderte gar die Aufstellung einer Bürgerwehr gegen Nazis. Ihre Kundgebung vor der alten Synagoge lag an der Strecke des Aufmarschs und hatte ausdrücklich den Zweck den Aufmarsch behindern zu können.

Tschechische Antifaschisten richteten eine Mobiliserungsseite ein, auf der in zwölf Sprachen zur Verhinderung des Aufmarschs aufgerufen wurde. Auch antifaschistische Gruppen aus der BRD mobiliserten (Link) nach Prag.

Unterdessen kündigte der „Narodni Odpor“ an, trotz des Verbotes aufmarschieren zu wollen...

Am Tag selbst....

Diesem Aufruf folgten am vergangenen Samstag auch etwa 400 „Kameraden“, unter anderem zwei Reisebusse aus der BRD. Dies ist einmal Link ein Ausdruck der fuktionierenden Zusammenarbeit von tschechischen und deutschen Nazis von der auch die FR zu berichten weiß (Link).

Etwa 1500 Polizisten waren im Einsatz um das grichtliche Verbot des Aufmarschs durchzusetzen. Sie hatte das jüdische Viertel seit dem Morgen abgesperrt und nahm zahlreiche Nazis fest die versuchten zur Auftaktkundgebung zu gelangen (Link). Bei ihnen wurde eine Vielzahl von Waffen gefunden, unter anderem Äxte, Hämmer und Brandsätze.



An der Kundgebung der jüdischen Gemeinde nahmen etwa 1000 Menschen teil. Viele von ihnen hefteten sich gelbe Sterne mit der deutschen Aufschrift „Jude“ an um damit ihre Verbundenheit und Solidarität mit den Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung zu zeigen (Link). Ein Akt der Solidarität der laut NZZ von mindestens einem Überlebenden des Naziterrors als „etwas billig“ kritisiert wurde. Einige Gegendemonstranten zeigten hier die israelische Fahne.

In zahlreichen Gedenkveranstaltungen in der Stadt wurde an die Novemberpogrome erinnert und gegen den Aufmarsch protestiert. Mehrere hundert Menschen, darunter Politiker aus Opposition und Regierung, nahmen an ihnen teil.



An einer weiteren Demonstration nahmen etwa 1000 Menschen teil, unter ihnen mehrere hundert Autonome (Video). Die Nazis die vergeblich zum Aufmarsch angereist waren zogen in Gruppen von 30-40 Personen durch die Stadt. In der Nähe des jüdischen Viertels traf die antifaschistische Demonstration immer wieder auf diese Gruppen (Video). Dabei kam es zu heftigen Auseinandersetzungen, die sich bis in den Abend hinzogen.

Diese fanden einen ersten Höhepunkt darin, dass ein bekannter Nazi mit einer Gaspistole auf Gegendemonstranten schoß (Video).


Petr Kalinovsky 2003 als Anmelder eines Aufmarsch durch Prag....



...und 2007 nach seiner Attacke

Ein schwarzer Block aus mehreren hundert Personen lieferte sich bis in die Abendstunden hinein Auseinandersetzungen mit Nazis, er wurde schließlich von der Polizei aufgelöst, dabei gab es bis zu zweihundert Festnahmen (Link).

Bei der Auflösung des schwarzen Blocks setzte die Polizei sogenannte Schockgranaten ein. Diese Waffen haben bereits mehrmals zu schweren Verletzungen geführt. Aufsehen erregte zum Beispiel der Fall des Indymedia-Fotografen Guy Smallman, der beim G8-Gipfel 2003 schwer verletzt wurde (Link).

Auffällig....

Zunächst einmal ist die große mediale Präsenz der Ereignisse vom Samstag auffällig. Zahllose Reporter, Fotografen und Kamerateams waren vor Ort. Auch in Deutschland berichteten zahlreiche bürgerliche Medien und sogar die Tageschau berichtete. Ebenso östereichische und schweizer Medien, auf de.Indymedia.org erschienen gleich mehrere Artikel. Auch die israelische Tageszeitung Haaretz widmete dem Geschehen einen Artikel (Link).

Zum einen mag dies an der ungeheuren Provokation gelegen haben, die der Versuch das Gedenken der jüdischen Gemeinde an die Novemberpogrome zu stören darstellt. In der Folge konnte sich ein sehr breiter Widerestand gegen den Aufmarsch entwickeln. Für die Berichterstattung auf de.indymedia.org war sicher die Mobilisierung und Beteiligung von Antifaschisten aus der BRD ausschlaggebend. Das Interesse der internationalen Medien dürfte nicht zuletzt durch die internationale Beteiligung, sowohl von Nazis als auch Antifaschisten, eine Rolle gespielt haben.

Dennoch fällt auf, dass einiges an bekannten Mustern aus der BRD erinnert. Die Versuche der Stadtverwaltung den Aufmarsch verbieten zu lassen, ihr Kampf mit den Gerichten. Die Entwicklung eines breiten gesellschaftlichen Protests gegen den Aufmarsch, an dem auch Politiker teilnehmen. All dies ist aus osteuropäischen Ländern bisher nicht bekannt geworden. Dass der Prager Bürgermeisters Pavel Brem meint, eine "Kultivierung der nationalen Erinnerung, damit das Vergangene sich nicht wiederholt" sein nötig, erinnert sehr stark an die Idee vom „geläuterten Deutschland, das aus der Vergangenheit gelernt hat“, die die Rot-Grüne Bundesregierung in der BRD etabliert hat. Kein Zufall, dass die Neue Züricher Zeitung bereits begeistert eine tschechische Bürgergesellschaft sich regen sieht (Link).

Auffällig ist auch die Konsequenz mit der die Polizei den Aufmarsch verhindert hat und weiter ihre ambivalente Haltung gegenüber militanten Antifaschisten. Wurde diesen zunächst noch relativ viel Raum gelassen um zu agieren, wurde ihre Ansammlung später mit brutalen Mitteln aufgelöst.

Auch die Idee, faschistische Bewegungen würden am besten bekämpft, indem man sie ignoriert, fand ihre Anhänger. Außenminister Karel Schwarzenberg erläuterte (Link) ein Verständnis von Antifaschismus, das auch in der BRD nur zu gut bekannt ist: Dem rechtsextremen Aufmarsch dürfe nicht zuviel Aufmerksamkeit geschenkt werden, ließ er wissen, das sei genau das was sie erreichen wollten. Dass die Annahme, ignorieren sei ein geeignetes Mittel, um faschistische Bewegungen zu bekämpfen, sich nirgendwo in der Geschichte durch Erfahrungen bestätigen lässt, scheint ihn nicht zu stören.


Linkliste:
Naziaufmarsch in Prag verhindert
Prag 10.11.07: Militante Antifademo
Widerstand gegen Nazis in Prag
Der braune Draht von Dresden nach Prag
Rechte wollen trotz Verbot zum Jahrestag der Pogromnacht demonstrieren
Polizei stoppt illegalen Neonazi-Marsch in Prag
Die tschechische Bürgergesellschaft regt sich
Provokativer Neonazi-Marsch durch Prag gestoppt
Antisemiten stoppen! Überall!
Stoppen wir den Neonazimarsch!
Polizei stoppt Rechtsextreme in Prag
Prag: Aufmarschder Rechten verhindert
Grüße an "liebe Freunde" im Iran

Videos:
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Gesellschaftspolitische Diskussion

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„Wären wir ähnlich tapfer, wenn es um Roma ginge?“

Prager Neonazi-Aufmarsch provoziert gesellschafts-politische Debatte. Beim Rückblick auf die Ereignisse am vergangenen Wochenende waren sich die tschechischen Kommentatoren gestern einig: Die tausenden Tschechen, die – neben der Polizei – einen provokatorischen Aufmarsch von Neonazis im ehemaligen jüdischen Viertel von Prag verhindert hatten, verdienten uneingeschränktes Lob. „Die Gesellschaft hat klar zu erkennen gegeben, dass bestimmte Dinge in unserem Land nicht gehen“, formulierte etwa Petr Honzejk im Wirtschaftsblatt „Hospodarske noviny“.

Man könnte nun meinen, der Rassismus in Tschechien habe keine Chance, schrieb Honzejk weiter. „Aber leider ist dem nicht so.“ Der Kommentator stellte die provozierende Frage, wie wohl das Echo ausgefallen wäre, wären bewaffnete Skinheads nicht gegen Juden, sondern gegen die ungeliebten Roma losgezogen. „Das hätte niemanden derart aus der Ruhe gebracht.“ Honzejk fordert deshalb eine Debatte darüber, wie dem Alltagsrassismus zu begegnen sei.

Aufregung um Roma-Gedenkstätte

Jeder Tscheche kennt die Beispiele, die Honzejk anführte. Da gab es etwa die Aufgeregtheit bei Präsident Václav Klaus darüber, nachdem das Europaparlament Prag aufgefordert hatte, auf dem Gelände eines früheren NS-Konzentrationslagers für Roma in Lety endlich eine Gedenkstätte zu errichten. In dem von tschechischen, nicht deutschen Einheiten bewachten Lager waren mehr als 300 Menschen ums Leben gekommen.

Honzejk schlug die Erledigung einiger Aufgaben vor: „Václav Klaus entschuldigt sich für seine Aussagen über Lety. Premier Mirek Topolánek erweitert seine Regierungsprioritäten um die Integration der Roma. Örtliche Behörden beginnen gegen die Organisatoren von Anti-Roma-Aufmärschen ebenso vorzugehen wie der Prager Magistrat gegen die Neonazi-Provokation.“ Wenn diese Aufgaben erfüllt seien, so Honzejk, „können wir uns darüber unterhalten, ob sich in Tschechien tatsächlich etwas zum Besseren gewandelt hat“.


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