Wie mir das >>Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend<< zu einer höchst interessanten Lektüre verhalf
Rezension des Buches "Autonome in Bewegung"
Vor drei Jahren erfuhr ich vom Erscheinen eines aus linksradikaler Perspektive verfassten Buches mit dem Titel >>Autonome in Bewegung - aus den ersten 23 Jahren<<. Mit anderweitiger Lektüre ausgelastet, besorgte ich mir das Buch nicht sofort und vergaß es schließlich. Erst Ende Mai 2006 rief mir ein Indymedia-Artikel die Publikation wieder in Erinnerung. Hierin hieß es, das >>Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend<< strebe eine Indizierung des Buches seitens der >>Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien<< an. Dieser staatlichen Werbemaßnahme vermochte ich mich nicht zu entziehen. Ich bestellte umgehend ein Exemplar der inzwischen erschienenen zweiten Ausgabe, das mir denn auch binnen weniger Tage zugesandt wurde. Die Dr. med. Ursula Gertrud von der Leyen, der fleischgewordenen konservativen Karikatur feministischer Politik, unterstehende Behörde scheiterte Anfang Juli 2006 mit ihrem Indizierungsantrag, doch bis dahin hatte sich das von mir für den Buchkauf und die anfallenden Portokosten entrichtete Geld bereits als überaus lohnende Investition erwiesen.
>>Autonome in Bewegung<< ist das Resultat der gemeinsamen Anstrengungen eines ausnahmslos männlichen Autorenkollektivs, das sich in Anlehnung an eine Sandsteinart, die bei der Herstellung von Pflastersteinen Verwendung findet, den bezeichnenden Namen >>AG Grauwacke<< gegeben hat. Die Gruppe besteht aus fünf sich „teils bis heute als Autonome“ begreifenden Mitgliedern, die „mindestens seit Anfang der 80er Jahre in (West-)Berlin politisch aktiv sind und stets mehr Gewicht auf Praxis als auf Theorie gelegt haben.“ Sich zu einem subjektiven Darstellungsansatz bekennend, erklären die Autoren ihr Projekt zu einem Versuch, eine autonome Geschichtsschreibung „von unten“ anzustoßen, anstatt entsprechende Schilderungen der wissenschaftlichen Forschung oder gar staatlichen Repressionsorganen zu überlassen.
Das Buch umfasst mehr als 400 Seiten und besticht durch eine äußerst gelungene optische Gestaltung. In diesem Zusammenhang gilt es nicht zuletzt die zahlreichen abgedruckten Fotos, Plakate sowie Flugblatt- und Zeitungsartikelauszüge zu erwähnen, die lebendige Eindrücke von der jeweils geschilderten Bewegungsphase und ihren gesellschaftlichen Rahmenbedingungen vermitteln. Die fast das gesamte Buch durchziehende parallele Anordnung verschiedener Textebenen mag auf den ersten Blick ein wenig verwirrend anmuten, macht aber sehr wohl Sinn. Den schwarzen Faden bildet der die subjektive Herangehensweise der Autoren, aber auch ihr Bemühen um dokumentarische Genauigkeit widerspiegelnde Versuch einer Rekonstruktion autonomer Geschichte. Unterbrochen wird dieser Haupttextstrang bisweilen durch Einschübe, die, visuell im Stile von Nachrichtentickermeldungen gehalten, Maßnahmen und Reaktionen staatlicher Stellen und bürgerlicher Medien schildern. Von diesen beiden Textebenen, die auf weißem Papier gedruckt sind, setzen sich mit einem satten Grau unterlegte, bezüglich ihres Umfanges von wenigen Zeilen bis zu mehreren Seiten variierende Kästen deutlich ab. Letztere eröffnen den LeserInnen Innenansichten des thematisierten politischen Spektrums in Form von zum jeweiligen Kapitel passenden Erinnerungen und Anekdoten autonomer ZeitzeugInnen. Cirka das untere Sechstel nahezu aller Seiten des Buches schließlich bleibt einer Zeitleiste vorbehalten, die das solchermaßen entworfene Gesamtbild mit weltpolitischen Nachrichten der Jahre 1980 bis 1999 kontrastiert. Die Meldungen bestehen meistens nur aus einem Satz und haben sicherlich oftmals auch Eingang in Jahreschroniken bürgerlicher Medien gefunden. Eine besondere Note verleiht ihnen der regelmäßig zum Tragen kommende Sarkasmus der Autoren, wie etwa in einer Nachricht vom 27.06.1993: „Todesschwadrone oder Aliens selbstmorden den RAFler Wolfgang Grams in Bad Kleinen.“ Unbestrittener Höhepunkt der Zeitleiste ist jedoch eine Meldung vom 25.10.1983: „China: Ein Sack Reis fällt um.“
Auf sprachlicher Ebene zeichnet sich das Buch durch ein hohes Maß an allgemeiner Verständlichkeit aus. Zwar schlägt sich der subjektive Darstellungsansatz der Autoren ebenfalls in dieser Hinsicht nieder, beispielsweise in Form der konsequenten Bezeichnung von Polizeikräften als >>Bullen<<, doch dürften selbst vollkommen szeneunkundige LeserInnen den Ausführungen zu folgen in der Lage sein. Sollten nichtsdestotrotz bestimmte Formulierungen Verständnisprobleme bereiten, kann das den Abschluss des Buches bildende Glossar >>Autonomendeutsch als Fremdsprache<< herangezogen werden.
>>Autonome in Bewegung<< besteht aus fünf Hauptteilen, von denen drei Entwicklungen innerhalb des autonomen Spektrums schildern, die sich im Laufe der 80er Jahre vollzogen. So setzt sich der erste Teil (>>“...die ganze Bäckerei!“ Die Bewegungszeit von 1980 bis 1984<<) vorrangig mit der (West-)Berliner Hausbesetzerszene der frühen 80er Jahre auseinander, der zweite (>>“Bildet Banden!“ Autonome Gruppen 1984 bis 1987<<) beleuchtet die Mitte der 80er Jahre die Ausrichtung autonomer Strukturen nachhaltig prägende Kleingruppen-Militanz, der dritte (>>Autonome Kampagnenpolitik 1987 bis 1990<<) lenkt den Blick insbesondere auf die Mobilisierung gegen die im September 1988 in (West-)Berlin abgehaltene Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank. Der vierte Teil (>>Die 90er. Strömungen, Turbulenzen und Strudel<<) beschäftigt sich primär mit der Organisierungsdebatte, die, nachdem der in (Ost-)Berlin durch den Mauerfall ermöglichte „kurze Sommer der Anarchie“ staatlicherseits erstickt worden war, Autonome einer neuen Generation anstießen. Im Rahmen des letzten Teils (>>Und die nächsten 23 Jahre?<<) schließlich verbinden die Autoren in individuellen Stellungnahmen Resümees ihrer politischen Erfahrungen mit Einschätzungen bezüglich zukünftiger Wirkungspotentiale autonomen Engagements.
Der >>AG Grauwacke<< ist mit ihrem Buchprojekt zweifelsohne ein wichtiger Beitrag autonomer (und in Anbetracht der durch die Verfasser konstatierten „fast ausschließlich anarchistischen historischen Grundlagen der Autonomen“ bis zu einem gewissen Grad auch libertärer) Geschichtsschreibung gelungen. Dass die Publikation bundesdeutschen Behörden ein Dorn im Auge ist, kann kaum überraschen. So enthält das Buch zwar durchaus selbstkritische Töne, etwa im Hinblick auf „die extreme Selbstbezogenheit vieler Autonomer“, lässt aber an keiner Stelle Zweifel daran, dass entschiedenes, kämpferisches (und zumindest in diesem Sinne des Wortes >>militantes<<) Eintreten gegen staatliche, wirtschaftliche sowie sonstige Unterdrückungs- und Ausbeutungsmechanismen legitim war und ist. Erhebliche Brisanz birgt diese Position vor dem Hintergrund der unvermeidlichen Gewaltfrage. Die Autoren grenzen sich keineswegs generell von Formen militanter Intervention ab, sehen aber das Vorhandensein bestimmter Rahmenbedingungen als notwendig an, soll der Einsatz entsprechender Mittel nicht verpuffen oder gar der Gegenseite in die Hände spielen. „Der Kampf gegen das System“, so lautet eine der zentralen Lehren aus der innerhalb des Buches geleisteten historischen Aufarbeitung, “ist nur auf der Straße nicht zu gewinnen.“ Autonome Militanz erzielte rückblickend betrachtet allenfalls dann positive Effekte, wenn sie eingebettet war in größere, über das eigene politische Spektrum hinausreichende Protest- und Widerstandszusammenhänge. Eine solche Situation ergab sich etwa im Zuge des Kampfes gegen den letztlich verhinderten Bau der Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf, als „Menschen in einem vorher als widerstandsfreie Region verschrieenen Landstrich“ allen Hetztiraden bürgerlicher Medien zum Trotz über einen längeren Zeitraum hinweg „ganz unverblümt und ohne jede Skrupel“ gemeinsame Sache „mit auswärtigen >>Straßenterroristen<<, >>RAF-Sympathisanten<<, >>mit Stahlkugeln bewaffnetem Chaotenpack<<, welches >>von Gaddhafi bezahlt und ausgebildet wird<< etc. pp.“ machten. Auch die IWF-Kampagne kann in der historischen Rückschau wohl nicht zuletzt deshalb „wie ein Berg in der zweiten Hälfte der 80er Jahre stehen“, weil es damals innerhalb der Gegenbewegung nicht zu einer strikten Trennung von >>revolutionär-militanten<< und >>reformerisch-friedlichen<< Individuen/Gruppen kam.
Autonomie nicht mit Militanz gleichzusetzen, bedeutet auch, im Rahmen „autonomer Alltagspolitik“ konkrete Ansätze alternativer Lebenswirklichkeiten zu schaffen. Einer der Autoren des Buches plädiert daher beispielsweise für den Aufbau von Strukturen „wechselseitiger Hilfe und einer gemeinsamen Ökonomie in selbst entwickelten sozialen Sicherungssystemen.“ Auf derartigen Betätigungsfeldern hat nicht nur die autonome, sondern die gesamte libertäre Bewegung in der BRD, wobei in beiden Fällen von einer einheitlichen Bewegung nur schwerlich die Rede sein kann, enormen Nachholbedarf.
Bei allen positiven Aspekten, die das Buch auszeichnen, ist es natürlich nicht frei von Schwächen und Lücken. Zu den größten zählt sicherlich die Fokussierung auf die Geschichte des autonomen Spektrums in (West-)Berlin während der 80er Jahre. In anderen Städten und Regionen sowie zu anderen Zeiträumen ausgefochtene Kämpfe und vollzogene Entwicklungen werden mitunter nicht mit der ihnen eigentlich gebührenden Ausführlichkeit geschildert oder bleiben ganz ausgespart. Auch das Kapitel >>Was man zum Patriarchat zu sagen hat<<, bestehend aus individuellen Stellungnahmen der fünf Autoren, vermag nicht vollends zu überzeugen. Diese Hauptkritikpunkte werden seitens des Verfasserkollektivs jedoch ausdrücklich eingestanden und mit seiner Zusammensetzung begründet. Um diesbezüglich Abhilfe schaffen zu können, wurde auf der Internetseite zum Buch (http://autox.nadir.org) ein moderiertes Diskussionsforum eingerichtet. Letzteres soll die Möglichkeit bieten, das Projekt >>Autonome Geschichte von unten<< um ergänzende Beiträge und alternative Sichtweisen zu bereichern. Leider fiel die Resonanz bislang relativ gering aus. So sind insgesamt weniger als 30 Texte von sehr unterschiedlicher Aussagekraft eingegangen, seit März 2004 scheint das Projekt ganz eingeschlafen zu sein. Inwieweit dies auch für >>die<< autonome Bewegung überhaupt gilt, wird sich zukünftig erweisen. Der Titelzusatz >>aus den ersten 23 Jahren<< zeigt, dass zumindest die Autoren den Kampf nicht aufgegeben haben.
Carlo Starkblom/Libertäre Gruppe Düsseldorf
A.G. Grauwacke, >>Autonome in Bewegung - aus den ersten 23 Jahren<<, Berlin/Hamburg/Göttingen 2003, Verlag Assoziation A, 408 Seiten, 20 Euro.