Redemanuskript für das Gründungstreffen der Libertären Gruppe Düsseldorf im FdA-IFA
13. März 2005
Redemanuskript (leicht gekürzt) für das Gründungstreffen der Libertären Gruppe
Düsseldorf im FdA-IFA
13. März 2005
Liebe Freunde, liebe GenossInnen!Unter dem Leitsatz und in einem aufrufartigen Einladungstext: "Etwas Besseres als Staat und Kapital findest du überall", wurde in den letzten Wochen für dieses Treffen heute eingeladen. Das geschah auf verschiedene Weise: über die linke Düsseldorfer Stadtzeitung "Terz", die den Text in einer verstümmelten Form veröffentlicht hat. Über verschiedene Internet-Seiten, wie die der anarchistischen Gruppe "Schwarze Katze" im Sauerland, über die Seiten des libertären Info-Ladens "Zapata" in Düsseldorf, des "Anti-Hartz-Bündnises-NRW". Vielen Dank an dieser Stelle an die, die das auf sich genommen haben.
Bekanntlich sind ja libertäre Stimmen im nicht-libertären linken Meer nicht immer willkommen. Das ist durch Geschichte und Gegenwart ja auch reichlich belegt.
In seiner Ausgabe vom 4. März 2005 veröffentlichte das "Neue Deutschland" in der, an diesem Tag erscheinenden Ausgabe, auf der Seite 13, unter der Rubrik "Außerparlamentarisches" eine 29-zeilen lange Nachricht über den Termin heute. Es sollte heißen: "Anarchisten gründen libertäre Gruppe", statt dessen hieß es dann aber: "Libertäre gründen Düsseldorfer Gruppe". Für die März-Ausgabe der "Graswurzelrevolution" und für die entsprechende Ausgabe der "Jungle World" war es terminlich leider zu spät. "Junge Welt" und "taz rhein-ruhr" heuchelten Interesse und brachten dann nichts. Aber, das war meiner Meinung nach, ja auch irgendwie nicht anders zu erwarten! Die "UZ" - Redaktion brachte darüber ebenso wenig, und war von dem Vorschlag, darüber etwas zu veröffentlichen, auch nicht sonderlich zu begeistern. Warum eigentlich auch, entspricht es ja letztlich auch nicht ihrem Weltbild. Schnappsidee, das überhaupt versucht zu haben.
Um was geht es eigentlich?
Um die Gründung einer "Libertären Gruppe Düsseldorf im Forum deutschsprachiger AnarchistInnen" (FdA-IFA). Einer politischen Gruppe, die für Aktivitäten im Raum Düsseldorf gedacht war, und die, bei Interesse, Wunsch und entsprechender Beteiligung, nicht nur im Düsseldorfer Raum aktiv sein soll und muss.
Wieso ausgerechnet eine solche Gruppe und was ist das FdA-IFA?
Weshalb muss es unbedingt eine anarchistische, eine libertäre Gruppe sein? Wieso müssen diese gottverdammten Anarchisten etwas nach außen tun, anstatt dass sie in ihren philosophischen Hinterzimmern bleiben? Kann es stattdessen nicht eine ganz gewöhnliche Initiative in diesen Zeiten sein, eine sogenannte "Bürgerinitiative"? Ein Sozialforum etwa? Nicht ATTAC und nicht die Kommunistische Partei? Kann es nicht die Wahlalternative, die "grüne" Partei oder die BILD-Zeitung sein?
Meiner Meinung nach, als libertärer Kritiker, und da stehe ich zum Glück nicht alleine, reicht uns das alles nicht. Denn wir wollen viel mehr, als uns dieses System in seiner verlogenen Art an politischen Möglichkeiten anbietet. Wir wollen viel mehr, als nur ein wenig Dampf ablassen, jammern über die Ungerechtigkeiten dieser ungerechten Welt, und nur blinden Protest gegen die Schweinereien dieses kapitalistischen und menschenfeindlichen Systems äußern.
Wäre es so, dass wir uns nur damit zufrieden geben würden, was es da alles an sogenanntem Protest und zahnlosem "Widerstand" gibt, mit seinen defätistischen (Neigung zum Aufgeben, Hoffnungslosigkeit) Grundmustern, dann wären es noch viel elender um uns bestellt, als es das heute da und dort schon ist. Mit seinem, im Grunde sozialdemokratischen Mustern: Nur nicht die Grundfesten des kapitalistischen Systems und des Staates angreifen, immer nur oberflächlich sein und Michels Narren- und Nachtmütze auf dem Kopf tragen.
Immer schön deutsch bleiben und deshalb, trotz leisen Erhebens seiner Stimme, weiterhin den deutschen Untertan spielen. Das ist die Haltung, nicht nur verschiedener Protestbewegungen, sondern auch der Mehrheit der Linken in diesem Land. Die kapitalistischen Herrscher können beruhigt schlafen gehen und ihr Staat hat keinen ernsthaften und fundamentalen, ja revolutionären Widerstand zu fürchten. Die "linken" Blitzableiter, in und außerhalb der systemintegrierenden Parlamente sorgen schon dafür, dass alles beim Alten bleibt. Nicht zu vergessen, die Katastrophe der angeblichen "Gewerkschaften", die in diesem Lande schon immer eine treudeutsch-doofe, untertänige und vaterländische sozialdemokratische Rolle gespielt haben. Ihnen ist zu sagen: "Richtige Gewerkschaften würden kämpfen. Schert euch zum Teufel, verpisst euch!"
Unterdessen ist die Kacke am Dampfen, der Sozialabbruch bekommt in diesem Land immer neue Dimensionen. Immer neue Säue werden durchs Dorf getrieben. Naturzerstörung und militärische Aufrüstung schreiten voran, Hoffnungslosigkeit und Resignation gibt es bei vielen Menschen. Ich-Sucht und Entsolidarisierung werden propagiert - jeden Tag und in immer neuen Formen. Die Medien-Demokratie macht's möglich. Ein nie gekannter Ausbau, nicht nur der staatlichen Sicherheitsapparate, nicht nur in diesem Land, findet statt. Immer mehr Gesetze, die den staatlichen Terror legitimieren werden von Konservativen und Liberalen, von Sozialdemokraten und den angeblichen "Grünen" über die parlamentarische und mediale Bühne gepeitscht. Die Entrechtung und die Versklavung des Menschen, seine totale Unterwerfung unter die Herrschaftssysteme werden vorangetrieben, ohne Rücksicht auf Verluste. Gleichzeitig wird das Aufkommen rassistischer und rechtsextremistischer Ideologie, nach Worten mit Abscheu behandelt, in der Tat jedoch massiv gefördert. Das Anwachsen neonazistischer Banden und der kapitalhörigen faschistischen Parteien, wie zum Beispiel der NPD, wird offiziell bejammert, wie bei Schröders "Aufstand der Anständigen". Gleichzeitig werden die braunen Aufmärsche dieser Chauvinisten und Menschenhasser leise toleriert und mit Hilfe martialischer Polizeiaufmärsche abgesichert - Heuchelei in Reinkultur also.
Während die Konservativen und Liberalen von Union und FDP, sowie die Kapitalistenverbände offen das Schleifen der Restbestände der eigentlich schon immer, im "Sozialstaat" fragwürdigen Sozialsysteme fordern, betreiben es die antisozialen Mafiosi der SPD um Schröder, Clement und der anderen Horrorfiguren ganz offen und verpassen der ganzen Chose ihre "soziale" Rhetorik. Sie glauben, dass sie damit die Menschen bei der Stange halten können. Und damit das auch so bleibt, springt ihnen, eine mit ihnen im Bündnis sich befindende antisoziale und naturzerstörerische Atom- und Kriegspartei zur Seite. Nichts ist geblieben von den Grünen. Sie waren rebellisch und wollten eine andere Gesellschaft, soziale Gerechtigkeit und Emanzipation, ein Leben ohne Ausbeutung, Krieg, Rassismus und Naturzerstörung. Was einst als links und widerständig begann, ist längst verschwunden, die Sonnenblume ist in giftigem und verseuchtem Zustand kläglich eingegangen.
Als Mitte der 80er Jahre in NRW beim grünen Landesverband eine Landes-AG "Basisdemokratie/Anarchie" gegründet wurde, da waren es nicht wenige Anhänger des Staatssozialismus im grünen Landesverband, die sich massiv gegen die Existenz einer solchen öko-anarchistischen Landesarbeitsgemeinschaft aussprachen. Als diese dann, mangels an Unterstützung, sich auflöste, da setzten diese marxistischen Damen und Herren alles dran, dass es keine Neuauflage mehr gab.
Als Jahre später, ein Herr Fischer, seine Ex-Spontis und die in der heutigen bündnis"grünen" Partei, in allen Schlüsselpositionen sitzenden ex-stalinistisch-maoistischen KBW-Funktionäre, die letzten aufrechten linken Grünen um Ebermann, Trampert und Jutta Ditfurth aus ihrer Partei vertrieben hatten, da war es um den Laden endgültig geschehen. Aber erste Anzeichen gab es schon viel früher. Ich erspare es mir, darauf noch einzugehen, es ist ekelerregend genug.
Damals in den 80er Jahren gab es schon einige Zeit eine FAU - eine von Ex-68er Studenten und exil-spanischen CNT-Leuten gegründete anarchosyndikalistische Gewerkschaftsinitiative in der BRD. Aber es gab auch die Anhänger der Freunde des Guerilla-Kampfes und sogenannter Antiimps, die glaubten, sie könnten alles dort in ihrem Sinne umfunktionieren. Im Falle der GRÜNEN hat das Umfunktionieren erfolgreich geklappt. Im Falle der FAU hat das nicht geklappt und die Anhänger von Lenin, Stalin und Che Guevara suchten das Weite. Wer nun denkt, dass das "deutsche Besonderheiten" seien, liegt absolut falsch. Ähnliche Geschehnisse gab es genug, auch in anderen Ländern, in denen sich libertäre Kräfte in der Auseinandersetzung mit ihren Gegnern befanden und befinden. Und da stellt sich doch die Frage, woran es liegt, dass libertäre Gruppen und Organisationen kaum erfolgreich unterwandert werden können? Ist die anarchistische Freiheitsbewegung am Ende deshalb so resistent, weil sie vielleicht so authentisch ist? Weshalb ist sie eigentlich die einzige wirkliche Freiheitsbewegung?
Wenn wir uns vor Augen führen, dass das Ergebnis der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft, seit es Herrscher und Beherrschte, seit es ein oben und ein unten gibt, nur Sklaverei, Unterdrückung, Entrechtung, Terror und Krieg ist, dann ist es nur folgerichtig, dass die Beherrschten sich in der gesamten Geschichte aufgelehnt haben. Sei es durch einzelne Erhebungen und Revolten, sei es durch Freiheitskämpfe und Revolution. Mal weniger, mal mehr! Durch die jeweiligen gesellschaftlichen Umstände bedingt. Aber dort, wo vermeintliche oder tatsächliche linke Parteien die Oberhand in solchen Auseinandersetzungen bekommen haben, war bald Schluss mit den neuen Freiheiten. Von neuem begann das Spiel vom Herr- und Knechtsein. Man erinnere hierbei nur an die russische Revolution, die schließlich in der stalinistischen Terrorherrschaft endete. Dies, als nur ein Beispiel, das zeigt, was geschehen kann, wenn eine Revolution von trojanischen Pferden besetzt wird.
Es ist sehr wohl ausschlaggebend, welchen Charakter revolutionäre Bewegungen und Organisationen haben. Es ist sehr wohl wichtig, welche Ideen den gesellschaftlichen Befreiungsversuchen zu Grunde liegen. Braucht man nach der Befreiung schon wider Parteien und Staat, damit dasselbe Spiel wieder von vorne beginnt? Damit es eine neue Zwangsherrschaft gibt, oder in der demokratischen Variante, eine versteckte Form der Herrschaft des Menschen über den Menschen?
Oder brauchen wir stattdessen etwas völlig anderes?
Nämlich: bedingungslose Freiheitsliebe, Ablehnung jeglicher Art von Obrigkeit und Staat, Ablehnung der bürgerlichen Ordnung mit ihren, das Individuum eingrenzenden Gesetzen. Und: Statt des Staates die freie Föderierung, und zwar von unten nach oben. Seiner Originalität nach mit sozialistischem und internationalistischem Gehalt. Außerdem die Abschaffung der gesellschaftlichen Klassen und Rangstufen, der Privilegien und Unterschiede aller Art, der absoluten Gleichheit sozialer Natur. Schließlich die Beseitigung des Patriarchats.
Ich halte es zum Beispiel mit dem großen russischen Revolutionär und Anarchisten Michael Bakunin, für den "Freiheit ohne den Sozialismus Privilegien und Ungerechtigkeit" bedeutet hat. Für ihn war es auch klar, "dass Sozialismus ohne Freiheit Sklaverei und Brutalität bedeutet". Eine Aussage, die fast prophetisch in Erfüllung gehen sollte. Von der Tribüne herunter bekannte er:
"Ich hasse den Kommunismus, weil er die Verneinung der Freiheit ist, und ohne Freiheit kann ich nichts Menschliches denken. Ich bin darum k e i n Kommunist, weil der Kommunismus alle Kräfte der Gesellschaft im Staat konzentriert und vom Staate absorbieren lässt, weil er notwendigerweise zur Zentralisierung des Eigentums in den Händen des Staates führt".
Daher nannte er sich einen Kollektivisten und wurde somit zum "Begründer der kollektivistischen Strömung" im internationalen Anarchismus. Wie diese Strömung, so gibt es daneben noch andere Richtungen, die gleichberechtigt nebeneinander bestehen. Dieser Pluralismus ist kennzeichnend für die Anhänger der anarchistischen Freiheitsphilosophie und sie macht sie den anderen Ideologien letztlich geistig überlegen. Nicht autoritäre Vorstellungen vom Sozialismus, wie sie im Marxismus zum Beispiel daher kommen, können deshalb die Zukunft gehören.
"Die revolutionäre anarchistische Philosophie und Aktion haben die Befreiung des Individuums und die Gleichberechtigung der Menschheit als Ganzes zum Ziel", heißt es im Aufruf - und Einladungstext für die Gründung einer "Libertären Gruppe Düsseldorf im Forum deutscher AnarchistInnen".
Das ist eine der grundlegenden Aussagen freiheitlicher Zielvorstellung. Diese Wegmarkierung ist eine der zentralen Aussagen auch im Selbstverständnis der Internationale der Anarchistischen Föderationen (IFA), dem das FdA als deutschsprachige Gruppierung mit Mitgliedsstatus in der IFA angehört. Das FdA hat neben der Aufrechterhaltung der internationalen Kontakte, das Ziel, den Aufbau einer deutschsprachigen Föderation zu unterstützen und selbige auch zu werden. Neben der Anarchistischen Föderation Rhein-Neckar-Pfalz (AF RNP), die im Südwesten der BRD als Regionalföderation besteht und agiert, und in deren Aktionsgebiet noch autonome Untergruppen tätig sind, gibt es in Norddeutschland und neuerdings in Thüringen aktive FdA-Leute. Kontakte gibt es nach Freiburg und nach Berlin. In der Pfalz haben sich zudem Gruppen für anarchistische Wohnprojekte zusammengefunden.
Gute Verbindung gibt es, wo vorhanden, zur anarchosyndikalistischen FAU. Da und dort gibt es auch FAU-Leute, die auch zum FdA gehören, was auch noch aus der Zeit der FdA-Vorläufergruppe I-AFD herrührt. In diesem Zusammenhang gilt es herauszustreichen, dass keinerlei Vorschriften gemacht werden können und dürfen, welchen Weg innerhalb der verschiedenen Strömungen einzelne Mitglieder oder Gruppen gehen wollen. Seien es nun kollektivistische, individualistische, öko-anarchistische, anarchosyndikalistische, mutualistische, anarcho-kommunistische oder religiös-pazifistische, also tolstojanische Vorstellungen. So lange der Weg mit unseren generellen Grundsätzen vereinbar ist, ist jeder willkommen. Wir streben nicht die Übernahme politischer Herrschaft an.
In diesem Sinne steht das Angebot in einer anarchistischen Föderation, die sich aufbaut, zusammen zu arbeiten, auf dass wir auch gemeinsam diesem Ziel einer freiheitlichen, nicht-hierarchichen, herrschaftslosen Gesellschaft, ohne Staat und kapitalistische Ausbeuter näher kommen mögen.
Libertäre Gruppe Düsseldorf