Kämpferische Geschichtsschreibung
Rezension der Durruti-Biographie von Abel Paz
Die von Abel Paz verfasste Biographie Durruti. Leben und Tode des spanischen Anarchisten, deren 1978 veröffentlichte Originalausgabe den Titel Durruti. El Proletario en armas trägt, gilt zu Recht als Standardwerk libertärer Geschichtsschreibung. Äußerlich ist das Buch ein wahrer Wälzer. So umfasst die1994 im Rahmen der Edition Nautilus erschienene deutsche Ausgabe, die inzwischen mehrere Neuauflagen erfahren hat, trotz ihres Großformats 733 Seiten, nicht eingerechnet jene weiteren 80, auf denen dem Privatarchiv des Autors entstammende Schwarz-Weiß-Fotos von hohem Dokumentarwert abgedruckt sind. Von der herausragenden Qualität des Werkes zeugt schon allein der Umstand, dass es bei der schier überwältigenden Fülle an thematisierten historischen Persönlichkeiten, Fakten, Hintergründen und Entwicklungen durchweg zu fesseln vermag.
Abel Paz zeichnet die revolutionäre Laufbahn des legendären spanischen Libertären Buenaventura Durruti, der sowohl die Geschichte des anarchosyndikalistischen Gewerkschaftsverbandes Confederación Nacional del Trabajo (CNT = Nationale Konföderation der Arbeit) als auch der über erheblich weniger Mitglieder verfügenden, aber in weit stärkerem Maße reformistischen Tendenzen gegenüber immunen Federación Anarquista Ibérica (FAI = Iberische Anarchistische Föderation) maßgeblich prägte, im Rahmen von vier Hauptteilen nach. Der erste (Der Rebell) umfasst die Zeitspanne von Durrutis Geburt bis zum Ende der Diktatur Miguel Primo de Riveras (1896-1931), der zweite (Der Kämpfer) deckt die knapp fünf Jahre von der Gründung der Zweiten Republik bis zum Ausbruch des Bürgerkrieges ab (1931-1936), der dritte (Der Revolutionär) behandelt die wenigen Monate, die Durruti im Kampf gegen putschistische Truppen und für die Schaffung revolutionärer Tatsachen blieben (19. Juli-20. November 1936). Das vierte Hauptkapitel (Die Tode Durrutis) schließlich besteht aus einer kritischen Gegenüberstellung der Versionen, die hinsichtlich der tödlichen Verwundung Durrutis, erlitten bei der Verteidigung Madrids, kursieren.
Abel Paz rekonstruiert die bewegte Vita eines am 14. Juli 1896 im altkastilischen León geborenen Mannes aus proletarischen Verhältnissen, dessen kämpferisches Naturell sich aus dem sozialen Leid und der staatlichen Unterdrückung speiste, die den Alltag der arbeitenden Bevölkerung Spaniens zeit seines Lebens bestimmten. Zum Anarchismus fand er über den Umweg des sozialistischen Gewerkschaftsverbandes Unión General de Trabajadores (UGT = Allgemeine Arbeiter Union), der den gelernten Mechaniker 1917 aus seinen Reihen ausschloss, nachdem sich Durruti und weitere Jugendliche im Zuge eines letztlich blutig niedergeschlagenen Generalstreiks direkter Aktionsformen bedient hatten. Durrutis Hinwendung zum libertären Lager fiel in eine Zeit, als deren VertreterInnen in Spanien seitens sich mörderische Pistolero-Banden haltender reaktionärer Kräfte buchstäblich zum Abschuss freigegeben worden waren. Ebenso wie seine CNT-Genossen Juan García Oliver (1901-1980) und Francisco Ascaso (1901-1936) gehörte Durruti zu den Gründungsmitgliedern einer später in „Nosotros“ umbenannten Gruppe namens „Los Solidarios“, die hierauf mit Gegengewalt reagierte. So erschossen Angehörige dieses revolutionären Zirkels Kardinal Soldevila, den als Mitinitiator des Pistolero-Unwesens geltenden Erzbischof von Saragossa, und betätigten sich als Bankräuber. Erbeutete Geldsummen dienten wohlgemerkt keineswegs der Sicherung ihres eigenen Lebensunterhaltes, sondern flossen gänzlich der libertären Bewegung zu. Neben ihrem unermüdlichen Einsatz für ihre anarchistischen Ideale war den „Los Solidarios“ vielmehr stets daran gelegen, sich finanziell durch Lohnarbeit über Wasser zu halten, Durruti bevorzugt im erlernten Beruf des Mechanikers. Dieses Bemühen um eine feste Verwurzelung innerhalb der Arbeiterklasse war für die gesamte CNT typisch, die sich, um der Entstehung einer Funktionärskaste vorzubeugen, trotz ihrer Massenbasis bis 1936 mit einem bezahlten Posten begnügte - jenem des Generalsekretärs, dessen Ausübung mit einem Facharbeiterlohn vergütet wurde.
Der entschlossene Widerstand, den die „Los Solidarios“ leisteten, konnte nicht den unter königlicher Billigung vollzogenen Aufstieg Riveras zum spanischen Diktator verhindern. Auch ein Aufstandsversuch, an dem sie sich im November 1924 beteiligten, schlug fehl. Daher sah sich Durruti gezwungen, sein revolutionäres Engagement zunächst im Ausland fortzusetzen. Im Laufe der kommenden Jahre verschlug es ihn u. a. nach Südamerika, Frankreich, Belgien und Deutschland, wo er sich aufgrund der ihm dort jeweils ebenfalls begegnenden staatlichen Repression meist in der Illegalität oder gar hinter Gefängnismauern aufhielt.
Der Sturz Riveras Anfang 1930 und der ein knappes Jahr später erklärte Thronverzicht König Alfons XIII. bewog Durruti, wieder nach Spanien zurückzukehren, wo unverändert ein sozialer Abgrund zwischen der Arbeiter- und Bauernschaft sowie der gesellschaftlichen Elite klaffte. Während sich bestimmte Kreise innerhalb der CNT reformistischen Illusionen hingaben, beharrte er, zu den profiliertesten RepräsentantInnen der 1927 gegründeten FAI zählend, auf der Beibehaltung des revolutionären Kurses, den auch die nunmehr als republikanisch deklarierte Staatsmacht blutig bekämpfte. Diese Haltung und entsprechende Aktivitäten brachten Durruti, inzwischen Vater einer Tochter, eine mehrmonatige Deportation und diverse Gefängnisaufenthalte ein. Doch trotz massiver Repressionsmaßnahmen und des wiederholten Scheiterns libertärer bzw. anarchosyndikalistischer Aufstandsbemühungen erfreuten sich die FAI und erst recht die CNT weiterhin regen Zulaufs, so dass ohne sie effektive Widerstandsformen gegen den sich lange abzeichnenden Putschversuch faschistischer Kräfte unter dem Oberbefehl Generals Francisco Franco nicht zu organisieren waren.
Die putschistischen Truppen gingen Mitte Juli 1936 in die Offensive, vermochten allerdings nur Teile des Landes unter ihre Kontrolle zu bringen. Insbesondere in Barcelona scheiterten sie primär an der entschlossenen und u. a. durch Durruti koordinierten Gegenwehr der CNT- bzw. FAI-Anhängerschaft, obschon deren Versorgung mit Waffen und Munition, wie während des gesamten Bürgerkrieges, alles andere als optimal war und sich erst im Zuge der Erbeutung feindlichen Kriegsmaterials zumindest leicht verbesserte.
Nachdem sich die katalanische CNT-Hochburg für die putschistischen Verbände als vorerst uneinnehmbar erwiesen hatte, galt das Hauptaugenmerk ihrer VerteidigerInnen der aragonesischen Front, und zwar speziell der unter faschistische Kontrolle geratenen Stadt Saragossa. Als Generaldelegierter einer nach ihm benannten, aus tausenden Freiwilligen bestehenden Kolonne begab sich Durruti nach Aragonien. Während andere Libertäre, unter ihnen sein langjähriger Weggefährte García Oliver, angesichts der prekären Lage sogar Regierungsverantwortung übernahmen, zeigte er sich selbst in der Bürgerkriegssituation zu keinerlei Abstrichen von seiner anarchistischen Gesinnung bereit. So verwahrte sich Durruti resolut gegen Bestrebungen nicht dem Prinzip der Herrschaftsfreiheit verpflichteter Parteien und Organisationen des antifaschistischen Zweckbündnisses, den Widerstand gegen die Franco Gehorsam leistenden Kräfte der spanischen Armee ausnahmslos zu militarisieren, was unweigerlich auf die Paradoxie autoritär geführter Volksmilizen libertärer Prägung hinausgelaufen wäre. Auch die sozialrevolutionäre Ebene des Kampfes verlor er zu keinem Zeitpunkt aus den Augen. Die BewohnerInnen der von faschistischer Besatzung befreiten bzw. vor dieser geschützten ländlichen Regionen Aragoniens ermutigte Durruti etwa, selbstverwaltete, föderal vernetzte Kollektive zu bilden und sich dergestalt dem Ideal des libertären Kommunismus anzunähern.
Im Herbst 1936 war die Anfangseuphorie der Franco-GegnerInnen verflogen. Die Befreiung Saragossas ließ immer noch auf sich warten und die Eroberung Madrids durch putschistische Truppen schien unmittelbar bevorzustehen. Also griffen Mitte November auch Angehörige der „Kolonne Durruti“ in den Kampf um die spanische Hauptstadt ein, wobei sie entsetzliche Verluste hinnehmen mussten. Durruti selbst starb dort am 20. November 1936 an den Folgen einer Schussverletzung, die er einen zuvor Tag unter nie gänzlich geklärten Umständen erlitten hatte.
Abel Paz, der als jugendlicher Anarchist selbst aktiv am Spanischen Bürgerkrieg teilnahm, ist kein unparteiischer Chronist und Analytiker der von ihm beschriebenen Ereignisse. Er verfolgt vielmehr den Ansatz einer kämpferischen Geschichtsschreibung, bezieht Position, ohne Propaganda zu betreiben. Seine Rekonstruktion der Vita Durrutis genügt aufgrund der enormen Breite ihrer Quellenbasis durchaus wissenschaftlichen Ansprüchen. Sie eröffnet tiefe Einblicke in die historischen Hintergründe des Spanischen Bürgerkrieges sowie anderer Kämpfe, die anarchistische ZeitgenossInnen Durrutis in vielen Regionen der Erde führten. Die Akribie und Leidenschaft, mit der Paz zu Werke geht, erinnern an Max Nettlau (1865-1944), den wohl bis heute bedeutendsten libertären Historiographen überhaupt.
Carlo Starkblom/Libertäre Gruppe Düsseldorf
Abel Paz. DURRUTI. Leben und Tode des spanischen Anarchisten, Hamburg 1994, Großformatige Broschur, Edition Nautilus, 733 Seiten, 25 Euro.