Personal tools
You are here: Home Members Rudi meine SubHomePage Artikel-Sammlung Stellungnahme zu A-Kongress
Document Actions

Stellungnahme zu A-Kongress

by Rudolf Mühland last modified 2009-04-21 12:02

Mein Text versteht sich als Ergänzung der beiden Texte von Gabriel Kuhn und XY (auf dieser Seite dokumentiert). Ich schließe mich ihren Inhalten und Analysen voll an. Allerdings hatte ich das Bedürfnis mich drüber Hinaus zu den Vorgängen zu äußern.

Am 11.04.2009 sollte im Rahmen des "A-Kongress. Anarchie im 21. Jahrhundert - Anarchie organisieren!" der Workshop "Anarchie und Sex" stattfinden. Auf anfrage der Orga-Gruppe hatte ich mich bereit gefunden an diesem Workshop teilzunehmen und ggf einen Input zu geben. Ziel des Workshops wäre es gewesen die verschiedenen Aspekte von Sex und Gender in sozialer, kultureller, politischer und ökonmischer Hinsicht näher zu beleuchten. Dabei sollten individuelle Dinge ebenso zur Sprache kommen, wie diverse Sexpratiken, "szenespezifische" Probleme, Fort- und Rückschritte in der "Mainstreamgesellschaft", psychologische Aspekte ebenso wie die Industrielle Verwertung von Sex und Gender.


Aufgrund des regen Interesses an dem Workshop (mehrere hundert Leute wollten teilnehmen) fand er am Samstagabend unter freiem Himmel statt. Die mir bis dahin vollkommen unbekannte Gruppe "Fuck for Forest" bat sich aus sich vor dem Workshop kurz vorstellen zu dürfen. Und hier begann das Desaster, das am folgenden Tag seinen Höhepunkt in dem vorzeitigen Abbruch des Kongresses gefunden hat.


Zwei Personen (ein Mann, mit Hose, Hemd und Frack durchaus angezogen und eine Frau, in Wäsche, welche ihre sekundären Geschlechtsmerkmale besonders betonte) traten also nach vorne und stellten die Gruppe kurz vor. Demnach handelt es sich um Menschen die Pornos mögen und gerne Pornos produzieren. Dies stellen sie auf ihrem Webportal online und User zahlen einen gewissen Betrag. Ein Teil des mit selbstgemachten oder "gespendeten" Pornos erwirtschafteten Geldes wird ihrer Aussage nach zum Wiederaufforsten des Regenwaldes in Südamerika verwandt. Leider war damit ihre Vorstellung noch nicht zu ende. Offensichtlich ist FFF mit einem gewissen Sendungsbewußtsein ausgestattet, das über "Wir lieben Pornos" und "Wir retten den Regenwald" hinaus geht. Vielmehr knüpft es an alte, repressive und wenig fortschrittliche Hippyideologien von "Natur" und Instinkt an. Damit reihen sie sich selbst, sofern irgendjemand gewillt ist ihnen ihr "anarchistisches" Selbstbild abzunehmen in die primitivistische Tradition des modernen Lifestyle Anarchismus ein. Phrasen a la: "Live like animals, Just being a part of nature, celebrating life.", "Can sex heal the planet? Reclaim your nature!" oder "Love & erotic spirituality!" gepaart mit der platten und inhaltslosen Behauptung das "Sex natürlich ist" verraten nicht gerade eine sehr tiefgehende Beschäftigung mit dem Thema.

Als der Mann von FFF fertig war, setzten sich beide wieder hin. Ein Mann aus dem Workshop fühlte sich herausgefordert auf das primitivistische Bild von "Natur" und "Instinkt" reagieren zu müssen. Ich bezweifle allerdings das die Mehrheit seine bedenken hören, geschweige denn Nachvollziehen konnte.

Am Ende meines Inputs, bezog auch ich Stellung zu dem meiner Meinung nach primitiven Verständnis von "Natur", "Instinkt" und "Sex", so wie ihn FFF dort präsentiert hatte. So blendet FFF a-sexuell Lebende Menschen bestenfalls aus.


Leider war nach dem Input-Vortrag die erste Wortmeldung eine, die sich positiv auf FFF bezog und dabei klar machte, das im Lifestyle-Anarchismus die einfachsten Begriffe ihre Bedeutung verloren haben. Ein junger Mann, offensichtlich von der Pro-Porno-Haltung und der Nack-Predigt von FFF begeistert, schlug vor eine "Direkte Aktion" (siehe dazu den Text von Harald Beyer-Arnesen auf www.fau.org/duesseldorf) zu starten. Demnach sollten sich alle ausziehen und nackt auf die nächste Kreutzung setzen. Kein Wort zu Sinn oder Zweck dieser im besten Falle symbolischen Aktion!


Im Zuge um die Aufkeimende Diskussion darum, ob die Aktion sofort, später, gar nicht oder am nächsten Tag ausgeführt werden sollte (wie gesagt, ohne das irgendjemand sich zum Sinn oder Zweck einer solchen Aktion geäußert hätte) standen einige FFF-AktivistInnen auf und entledigten sich eines Teils ihrer Kleider und forderten die anwesenden auf es ihnen gleich zu tun. FFF verband damit die Aufforderung der "Natur" zu ihrem Recht zu verhelfen, die "natürlichen Instinkte" frei zu setzten und weitere Variationen ihres primitiven Biologismus. Bemerkenswert dabei, das die Frauen alle etwas anbehielten, das ihre sekundären Geschlechtsmerkmale nur unterstrich!


Einer der Männer der sich entkleidetet, viel mehrmals um und in die erste Reihe der Teilnehmenden. Ob es dem Alkoholkonsum, dem Gebrauch anderer Drogen oder nur einem schlechten Gleichgewichtssinn an zulasten ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Das mag im späteren Verlauf durchaus dazu beigetragen haben das es Stimmen gab, die sich nicht begeistert davon zeigten an diesem Abend ungefragt einen Schwanz gezeigt zu bekommen.


Die "Diskussion" um die Aktion verschärfte sich zusehends und für mich war der ganze Workshop ab da gelaufen. Insgesamt hatte ich gut dreimal versucht ihn wieder auf die Bahn zu bringen, u.a. dadurch das ich alle Menschen aufforderte, welche spontan und nackt die nächste Kreuzung blockieren wollten, dies auch zu tun und uns (endlich) zu verlassen. Meines Wissen ist nicht ein Mensch in diesem Moment gegangen.


Während dessen, war der von FFF selbst mitgebrachte Dokumentationstrupp dabei die "Aktion" zu Filmen (Cam-Corder) und zu Fotografieren.


Später am Abend habe ich dann von mir persönlich bekannten und verläßlichen GenossInnen gehört, das im Zuge der weiteren "Diskussion" Frauen geäußert hatten, das sie es nicht gerade sehr angenehm empfanden sich plötzlich mit einem nackten Mann konfrontiert zu sehen. Die Erwiderung darauf wurde von einem FFF Mann mit den Worten "Hard-core-lesbe" eingeleitet. Das allein disqualifiziert FFF (da niemand von ihnen darauf reagiert hat).


Am nächsten Tag war FFF wieder auf dem Gelände und einige AktivistInnen waren wieder in der Art und Weise "nackt" wie schon am Abend zuvor. Besonders die Frauen trugen also weiterhin (ihrer "Natur" entsprechend oder ihrem "Instinkt" folgend?) Accessoires , welche ihre sekundären Geschlechtsmerkmale in besondere Art und Weise heraus strichen. Angeblich wollten FFF vom A-Kongress aus losgehen und eine Kreuzung blockieren. Dazu kam es jedoch nicht.


Für mich hat sich an diesem Tag mein Eindruck vom Abend bestätigt. FFF ist gekommen um Aufmerksamkeit zu erheischen und in dieser nach ihrer eigenen Regie zu baden. Das sie dabei rücksichtslos vorgegangen sind, ist das direkte Ergebnis ihres repressiven primitivistischen Lifestylhippytums.


Die Idee, sich nackt auszuziehen und FFF notfalls einen physikalischen Platzverweis zu erteilen, wurde leider von niemandem in die Tat aufgegriffen. Damit hätte man FFF und allen anderen zeigen können, das das Problem nicht "Nacktheit" ist (etwas das die radikale Arbeiterbewegung seit 150 Jahren praktiziert!) sondern, die Ideologie von FFF, ihr konkretes rücksichtsloses Auftreten, die beleidigend gemeinten Kategorisierungen von TeilnehmerInnen (z.B. als Hard Core Lesbe) und ihr unerträglicher Selbstdarstellungsdrang!

Powered by Plone CMS, the Open Source Content Management System

This site conforms to the following standards: