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Kontext rules. Zu den (hetero)-sexistischen Vorfällen während des A-Kongresses in Berlin von einer Teilnehmerin des Kongresses

by Rudolf Mühland last modified 2009-04-21 11:58

Während des Anarchie-Kongresses 2009 in Berlin kam es zu Auseinandersetzung rund um das Thema Sexismus/Grenzüberschreitung/Heteronormativismus. Anlass war ein Workshop – Anarchie und Sex – auf dem bereits zu Beginn eine kleine Gruppe, fuckforforest, den Workshop zur Selbstdarstellung nutze und ihn so letztlich – mit breiter Zustimmung – dominierte. Um Diskussion ging es jedoch zu keiner Zeit, vielmehr schien die Gruppe gekommen zu sein, um zu provozieren und sich zu produzieren.

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Es gelang nicht, diese raumeinnehmende Wortergreifungsstrategie abzuwenden. Viel zu spektakulär schien einem großen Teil des  Publikums der schließlich nackte Auftritt der fuckforforest Leute. Im Laufe dieser Veranstaltung kam es zu verschiedenen, als solche ausdrücklich benannten Grenzüberschreitungen und zu homophoben Beleidigungen durch Mitglieder von fuckforforest. Fünf Leute, die nicht bereit waren, Grenzen anderer zu respektieren, wären sicherlich nicht zu einem größeren Problem geworden. Aber die Gruppe schaffte es, etliche dutzend SympathisantInnen um sich zu ringen. Hier dürfte ein maßgebliches Problem liegen und vielleicht eine erste Antwort auf die berechtigte Frage, warum nach sexistischen Beleidigungen und Grenzüberschreitungen nicht direkt interveniert wurde. Zwangsläufig schließt sich die Frage an, warum auf einer anarchistischen Veranstaltung kein Minimalkonsens herrscht, auf homophobe Beleidigungen einen Rausschmiss folgen zu lassen.

Dass in der Reflexion des Ganzen u.a. von „friedlich-nackten Libertären und gewalttätig-autoritären Links-‚Anarchisten’“ geschrieben wird, dass die Debatte auf Nackt-Sein oder nicht reduziert wird, kennzeichnet die fehlende Bereitschaft, sich mit patriarchalen Herrschaftsmechanismen auseinanderzusetzen, geschweige denn mit feministischen Positionen dazu. Das Problem war nicht das Nackt-Sein der Leute. Diese Darstellung ist mehr als absurd. Das Problem war, dass Grenzen bewusst überschritten wurden, dass sexistische Anfeindungen stattfanden, dass gängige Geschlechternormen offensiv (re-)produziert wurden und dass eine Normierung sexueller Praktiken stattfand.

Ich werde mich im Folgenden nur auf einzelne problematische Punkte konzentrieren. Gabriel Kuhn nahm umfangreich zu diesen Vorfällen Stellung. Seinen Ausführungen stimme ich ausnahmslos zu.

(Gegen)Normierungen

Fuckforforest stellten sich von Anfang an als die dar, die gegen bürgerliche Normierung eine „freie Sexualität“ leben. All die, die andere Vorstellungen hatten und haben, wurden mit dem Label der Prüderie versehen. Dies spiegelte sich beispielsweise in den Reaktionen auf einen jungen Genossen wider, der, nachdem die Leute von fuckforforest sich ausgezogen hatten, äußerte, er hätte sich vielmehr Diskussion als Show gewünscht. Neben „Ausziehen!“-Rufen wurde dem Genossen darüber hinaus ein „unnatürliches“ Verhältnis zur eigenen Sexualität unterstellt. Was hier versucht und erschreckenderweise von etlichen KongressteilnehmerInnen mitgetragen wurde, ist Gegennormierung. Entgegen bürgerlicher Sexualmoral soll eine andere ebenso festgeschriebene, vorgegebene, homogenisierende Moral und Praxis durchgesetzt werden. Unterstützt wurde diese Tendenz zur Gegennormierung durch platte Biologismen bzw. sexuellen Essentialismus. So sei es „natürlich“, nackt zu sein, jede Kritik wurde als "unnatürlich" abgetan. Es sei „natürlich“, also den „menschlichen Trieben“ entsprechend, mit vielen wechselnden PartnerInnen an allen möglichen öffentlichen Orten Sex zu haben. Alles andere sei verklemmt. Gar von einem "Naturrecht auf Nacktheit" war die Rede.

Aber: Eine „natürliche” Sexualität existiert nicht. Und die Proklamation einer solchen schafft zweifellos Gewaltverhältnisse.

Was hier versucht wurde, ist (übrigens entgegen jedem anarchistischen Anspruch), das eigene Verhalten, die eigenen (sexuellen) Vorlieben zu ideologisieren. Was allerdings (Gegen-)Normierung, Essentialisierung und Ideologisierung mit Anarchismus zu tun haben, der von fuckforforest samt UnterstützerInnen proklamiert wurde, bleibt (mir) schleierhaft. Denn Anarchismus heißt (auch) eine Pluralisierung von Lebensentwürfen, von Liebesentwürfen, von den Vorstellungen, wie Menschen (zusammen) leben, lieben, begehren mögen. Anarchismus beinhaltet für mich den Anspruch, die elenden Masterpläne beiseite zu legen und das eigene Leben kreativ, verantwortungsvoll und in Respekt vor anderen Entwürfen gestalten zu können. Dass das nicht ohne eine Auseinandersetzung mit (Herrschafts-)Strukturen funktionieren kann, dass wir uns nicht ins Außen stellen können, dürfte auf der Hand liegen. Anarchismus heißt für mich daher auch, die Kämpfe gegen diese Strukturen aufzunehmen und da getrost mal mit uns selbst anzufangen, damit, wie diese Herrschaftsstrukturen, in diesem Fall Sexismus und Heteronormativismus, in uns und durch uns wirken. In jedem Fall bedeutet für mich Anarchismus die Ablehnung von Normierungen, komme sie durch die katholische Kirche oder durch fuckforforest&friends.

Umgang mit Grenzüberschreitungen

Ein weiteres Problem, das sich in diesem Zusammenhang zeigte, ist der Umgang mit Grenzüberschreitungen. Noch während der Veranstaltung kam es zu solchen. Diese wurden definiert und angesprochen. Reagiert wurde nicht. Stattdessen wurde versucht, diese Grenzüberschreitungen wegzureden.

Einige Frauen äußerten sich in dem Sinne, dass sie auf dieser Veranstaltung nicht mit männlichen nackten Körpern konfrontiert sein wollen. Andere verdeutlichten, dass in einer patriarchal bestimmten Gesellschaft mit all ihren Konsequenzen wie etwa der Erfahrung sexualisierter Gewalt männliche nackte Körper durchaus als eine Bedrohung erlebt werden KÖNNEN. Und dies anscheinend für einige gerade auch tun. Geantwortet wurde mit dem Verweis auf die eigene männliche anarchistische Freiheit, zu tun und zu lassen, was man wolle. Für die Frauen, die damit nicht klarkommen, hatten die Mitglieder von fuckforforest (und nicht nur diese) eine Palette von „Mitleid“ über Beschimpfungen („Hardcorelesbe“) bis hin zu üblichen patriarchalen Argumentationsmustern (Lustfeindlichkeit des Feminismus) anzubieten. Auch kritisierten einige Menschen den vermittelten Heteronormativismus der Gruppe. So entsprach die Show nicht nur den gängigen Geschlechterklischees, sie vermittelte auch ein Bild heterosexistischer Norm und Abweichung. Spätestens an diesen Punkten hätte deutlich werden müssen, dass das Thema Sexualität nicht von gesellschaftlichen Ordnungssystemen abgetrennt betrachtet werden kann. Sexualität ist nicht frei von gesellschaftlichem Druck und gesellschaftlichen Zwängen, so schön das auch wäre. Wer dies negiert, wird diese Zwänge nicht überwinden können, sondern ihnen – im schlimmsten Fall – zuspielen. Das konnte fast prototypisch auf dem Kongress beobachtet werden. Ein paar Typen, die meinten, sich in sexueller Selbstbefreiung üben zu müssen, ohne die Bedürfnisse anderer zu achten, überschritten konsequent Grenzen und schränkten so den Raum für etliche andere Menschen ein, die antisexistische Mindeststandards einforderten. Insofern war die Entscheidung der Orga-Gruppe folgerichtig, den Kongress am nächsten Tag, nach erneuter Provokation der fuckforforest Leute aufzulösen, weil – so die Begründung – aufgrund von unsolidarischem Verhalten ein anti-sexistischer „Freiraum“ nicht mehr gewährleistet werden konnte.

Ein antisexistischer Freiraum bedeutet nicht, dass es Orte gibt, die frei sind von patriarchalen, sexistischen und heteronormativen Strukturen. Er bedeutet nicht, dass wir uns auf eine Position zurückziehen können, die vorgibt, frei zu sein von Herrschaftsmechanismen. Und schon gar nicht bedeutet er, dass AnarchistInnen die besseren Menschen wären. Ein antisexistischer Freiraum bedeutet, dass ein Ort geschaffen wird, an dem respektvoll miteinander umgegangen wird und an dem die Bereitschaft besteht, sich mit eben diesen Strukturen auseinanderzusetzen, sich selbst in die Kämpfe miteinzubeziehen. Dieser Ort war tatsächlich nicht (mehr) gegeben.

Es ging den fuckforforest Leuten und ihren UnterstützerInnen zu keiner Zeit um eine Debatte oder Auseinandersetzung um Sexualität, Sexismus, Tabuisierungen, Normierungen. Noch ging es ihnen um die Suche nach einer Lösung des Konfliktes mit einem für alle tragbaren Ergebnis. Die eigene sexuelle Freiheit wurde provokativ und missionarisch über die Freiheit anderer gestellt. Wo aber sexuelle Freiheit nicht sexuelle Selbstbestimmung aller meint, wird das Konzept schlicht patriarchal-autoritär.


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